Joseph von Westphalen Mehr Purzelbäume wagen!

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur riskiert für den kommenden Sonntag eine Wahlempfehlung

In der letzten Woche habe ich ein Loblied auf das altmodische Wort „mancherorts“ gesungen, das fast nur noch im Wetterbericht vorkommt. Wenn sich die Meteorologen nicht festlegen wollen und können, wo genau vereinzelt mit Frühnebelfeldern zu rechnen ist und wo mittags die Sonne durchbrechen könnte, reden sie von „mancherorts“, um vorhersagemäßig nicht ganz daneben zu liegen. Ist mehr Sonne zu erwarten, sprechen sie auch mal von „vielerorts“, was kaum weniger vage ist. Aber falsch ist es nicht. Da Vorhersagen nie präzise sein können, haben die ungefähren Angaben etwas angenehm Ehrliches und lassen einen bis zuletzt hoffen, mit dem Wetter doch noch Glück zu haben.

Ich habe alle möglichen Bücher nach den seltenen Wörtern durchsucht und schöne Stellen gefunden: „Mancherorts gießt man Bier in eine Höhlung des Grabes und ruft: ‚Trink, trink, wie du früher getrunken hast!’“ – „Vielerorts herrscht die Gewohnheit, sich beim Hören des ersten Gewitters auf die Erde zu werfen, sich über den Ackerboden zu wälzen oder Purzelbäume zu schlagen.“ Dass ausgerechnet in alten Lexika des Aberglaubens das Lieblingswort der Meteorologen besonders oft vorkommt, könnte ein Hinweis sein, Wettervorhersagen nicht allzu ernst zu nehmen.

Der Unterhaltungswert der Wettervorhersagen ist höher als der der Wahlprognosen, die immer so vorsichtig herumeiern und den Ehrgeiz haben, möglichst nahe an das spätere amtliche Endergebnis heranzukommen. Wie langweilig. Wenn schon das Ergebnis der Wahlen meist erschütternd oder ernüchternd ist, sollte man die Wochen davor ausnützen: nicht, um über den lahmen Wahlkampf zu meckern, sondern um sich irren Hoffnungen und Fantasien hinzugeben. Von Lottogewinnen und tollen Partnern träumt man ja auch. Warum nicht mal von tollen Wahlausgängen. Sind erst die Stimmbezirke ausgezählt, muss man der schrecklichen Wahrheit ins Angesicht schauen. Bis dahin aber sollte man sich heiteren und schadenfrohen Träumen hingeben. Das baut auf. Bis zum Wahltag ist schließlich alles möglich.

Seien wir doch mal nicht so bierernst, wir Wähler. Gehorchen wir doch mal nicht Prognosen. Seien wir doch mal für eine Überraschung gut. Gönnen wir uns doch mal einen Spaß: Vielerorts erdrutschartige Verluste der CSU, verzweifelte Schreie aus dem Inneren der bisherigen Hochburgen, es läuten die Sterbeglöckchen, in spontanen Gottesdiensten wird für das Seelenheil des bisherigen Ministerpräsidenten gebetet, mancherorts in ländlichen Gebieten Bayerns wälzen sich abgewählte Politiker der CSU und der FDP über den Ackerboden oder schlagen Purzelbäume.

 

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