Joseph von Westphalen Lob für den Schutzengel

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und macht einen vergeblichen Anlauf, Tagebuch zu führen

 

Vor einigen Jahren rammte mich ein dicker Mercedes, als ich mit dem Rad unterwegs war. Ich ging zu Boden. Nicht wirklich schlimm, aber im ersten Schreck hatte ich doch eine kleine Vision: eine wunderschöne Frau würde dem Auto entsteigen, sich über mich beugen und entschlossen mit der Von-Mund-zu-Mund-Beatmung beginnen. Ich würde langsam die Augen öffnen. Die Erleichterung, mich nicht totgefahren zu haben, würde ihr Gesicht zum Leuchten bringen.

Stattdessen stand ein Mann über mir und versprach, die Sache seiner Versicherung zu melden. Metzgermeister aus Niederbayern. Als wir uns trennten, öffnete er den Kofferraum, der voller Würste war, und schenkte mir eine Salami.

Wenige Tage später erschien ein diplomierter Sachverständiger, um den Schaden an meinem Rad zu schätzen. 80 Euro. Seitdem bekomme ich von diesem Mann alljährlich mit den besten Grüßen einen in feinstes Leder gebundenen Kalender als sei ich ein Großkunde. Immer nehme ich mir vor, den Kalender nicht sinnlos herumliegen zu lassen, sondern als Tagebuch zu verwenden. Einfach kurz notieren, was war. Der Erinnerung zuliebe. Am 6. Januar zum Beispiel hätte ich festhalten können:

Tagsüber erfolglos verschwundene Fotos vom Sommer 2006 in Apulien gesucht. Oder war es 2007? Oder 2005? Sollte lieber raus bei dem Frühlingswetter, oder Belege für Steuer 2012 suchen – höchste Zeit! – aber die sind auch unauffindbar.

Um 18 Uhr mit Axel und Tina im Leopold Bully Herbigs „Buddy“ gesehen. Die anderen fanden den Film nur überraschend gut, ich war futsch und hin. Fast feuchte Augen vor Rührung. Danach Bier im „Beethoven“. Gespräch über Jazz der 1930er. Das würde genügen, um später nachweisen zu können, dass es Anfang Januar 2014 nicht winterlich kalt war und wir nicht mit Claudia und Peter im Theatiner den Film „La vie d’Adele“ gesehen haben. Nur für den Fall, dass das in ein oder zwei Jahren plötzlich von Interesse sein sollte. Dann nämlich gehen die Aussagen der beteiligten Personen auseinander, und es kommt zu quälenden Alzheimerverdächtigungen. Keiner weiß mehr, wie es wirklich war. In diesem Fall würde ich meinen Sachverständigen-Kalender hervorziehen und mit dem Tagebucheintrag für Klarheit sorgen können.

Die erste Januarwoche lang ist es mir gelungen, die Tage knapp zu fixieren. Ein Fortschritt. Im vorigen Jahr habe ich schon nach drei Tagen aufgegeben. Es ist nicht so, dass ich zu faul wäre. Mein Fehler ist: Ich kann mich nicht kurz fassen. Bullys „Buddy“ finde ich so gut, dass ich 15 Kalenderseiten lang geschwärmt habe. Dann noch mal 15 Seiten über Herbigs Rolle in Leander Hausmanns völlig unterschätztem „Hotel Lux“. Damit war ich schon mitten im Februar angelangt.

 

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