Joseph von Westphalen Kulturkampf um drei Stühle

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur will sich im Museum von der Justiz entspannen – aber das geht schief

 

Vorgestern oder vorvorgestern wollte ich in die Jan Brueghel Ausstellung in der Alten Pinakothek gehen, weil ich dachte, kein Mensch würde an diesem Frühlingstag ins Museum gehen. Ich könnte mir die Bilder in Ruhe anschauen und endlich das Oberlandesgericht vergessen und damit die Frage, ob man im Interesse der löblichen Gewaltenteilung für das mir-san-mir-Verhalten gewisser bayerischer Gerichte Verständnis aufbringen soll. Weil es im Prinzip ja nicht übel ist, wenn sich die Justiz von Politik und Wutbürgern und Medien und Literatenproleten wie mir nicht reinreden lässt.

Oder ob man die Herren Richter nicht doch als phantasielose Trotzköpfe ansehen soll, die sich eigenständigkeitsbesessen an Paragrafen klammern und lieber die halbe Außenwelt durcheinander bringen als drei Stühle mehr im Gerichtssaal aufzustellen, und dabei nicht merken, dass sie den guten Ruf ihrer Branche aufs Spiel setzen. Was ein rechter Wutbürger ist, dem wird bei dem Theater schon ganz verschwörungstheoretisch zumute und er traut dem Justizapparat zu, den armen Gustl Mollath schon deswegen möglichst lang in der Psychiatrie festzuhalten, um Eigenständigkeit zu demonstrieren und es den Medien zu zeigen, die von den ungeheuer fein mahlenden Mühlen und dem irren Arbeitspensum der Justiz ja keinen Schimmer haben.

Vor vierzehn Tagen hatte ich mir an dieser Stelle in meiner Erklärungsnot überlegt, ob die seltsame Krampfstarrigkeit oder Starrkrampfigkeit des Gerichts vielleicht auf die extrem guten Noten zurückgeführt werden kann, die von Staatsanwälten und Richtern verlangt werden. Natürlich wurde ich auf Grund dieser berufsgattungsbeleidigenden Vermutung sofort als arrogant und ahnungslos zurückbeschimpft, völlig zurecht, denn ich hatte vergessen zu erwähnen, dass auch Mediziner gute Noten haben müssen, und dass es auch unter guten Ärzten eine Menge Fachidioten gibt – wenn dieses geläufige Wort nicht schon wieder zu derb ist für unsere Justizmimose.

Ich widerrufe also meine unsinnige Vermutung und beschimpfe in einer Gerechtigkeitsaufwallung gleich noch meinen eigenen Berufsstand: Schriftsteller müssen kein Einserexamen machen, und viele schreiben trotzdem schlechte Bücher. Es gibt, Hohes Gericht, dies Dir zum Trost, mehr schlechte Bücher als schlechte Urteile.

Das alles hatte ich bei Jan Brueghel vergessen wollen. Die Ausstellung aber war trotz Sonnenwiesenwetter rappelvoll und wird ein andermal von mir besichtigt werden. Abends im Kino gähnende Leere, obwohl der Film „Das Wochenende“ Interesse verdient hätte. Nicht nur bayerische Richter, auch das Münchner Publikum ist undurchschaubar.

 

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