Joseph von Westphalen Köstlichstes Frischwissen aus dem Internet

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal:  Als Kulturmensch hält der Flaneur das Internet für eine Bereicherung

 

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr nun also an einen freundlichen Rastalockenguru, der ein bisschen wie eine füllige Variante unseres geliebten Steinzeit-Ötzis aussieht, aber natürlich mit allen digitalen Wassern gewaschen ist. Jaron Lanier – ein hochbegabter Computer- und Internet-Nerd der ersten Stunde, der jetzt bekanntlich kritische Töne anschlägt – dass muss natürlich alle Schlips- und Anzugträger begeistern, die sich wegen Datenklau und zahlungsunwilligen Internetausnutzern sorgen.

Die deutsche Kulturelite ist gespannt, was der Schamane im Herbst in der Paulskirche für eine Rede halten wird, ob er barfuß kommt oder Sandalen trägt. Da er auch ein bisschen an den vom Berge Sinai herabgestiegenen Moses erinnert, könnte es sein, dass er die urigen Vorläufer des elektronischen Tablets mit sich schleppt, mächtige Steintafeln, in die er die aktuellen 10 Gebote der schönen neuen Netzwelt meißeln ließ. Da er als Genie sicher im Handumdrehen Sprachen lernt, könnte es sein, dass er uns in astreinem Frankfurterisch ins Gewissen redet.

Ehe also bald alle auf den neuen Verkünder hören und einen besonneneren Umgang mit dem Internet und eine entsprechende Bezahlmoral anmahnen, will ich schnell noch ein Loblied darauf singen, wie herz- und hirnerfrischend es sein kann, sich der üppig wuchernden Netzvegitation gratis zu bedienen und mühelos wilde Feldblumensträuße zusammenzustellen, ohne sich ständig mit nicht mehr erinnerlichen Passwörtern einloggen und seine Kreditkartennummer angeben zu müssen.

Ich saß mit ein paar Freuden zusammen, wir kamen, ich weiß nicht warum, auf Nausikaa zu sprechen. Keiner von uns studierten Schlaumeiern wusste auf Anhieb Näheres. Eine Figur aus der Odyssee – mehr gab die geballte Bildung von fünf Akademikern nicht her. Goethe konnte vermutlich schon als Erstklässler die Geschichte nacherzählen. Vor 20 Jahren hätte einem das Lexikon in ein paar Minuten auf die Sprünge geholfen. Jetzt habe ich ein paar Stunden auf den Spuren Nausikaas im Internet verbracht – mit wachsender Begeisterung.

Ich habe das entsprechende Homer-Kapitel in drei deutschen und einer englischen Übersetzung gelesen und bin hingerissen. Ich weiß jetzt, dass der große Kulturhistoriker Jacob Burckhardt diese Odysseus-Episode besonders liebte und verstehe ihn. Ich weiß jetzt, dass Nietzsche sich eine Nausikaa-Oper wünschte, deren Arien möglichst so klingen sollten wie die aus Bellinis „Nachtwandlerin“. Ich habe unglaublich komische Deutungen dieser Geschichte aus der Anfangszeit der Psychoanalyse gelesen.

Alles umsonst im Netz. Ich glaube nicht, dass ich das alles gelesen hätte, wenn ich dafür hätte zahlen müssen. Ich bin so voll mit köstlichem Nausikaa-Frischwissen, dass ich das nächste Mal noch etwas weitersagen muss: über die Rolle nämlich, die das schöne und ungenierte Mädchen in München spielte.


 

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