Joseph von Westphalen Kann schon sein

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Den Zweiflern gehört die Welt: Der Flaneur bricht eine Lanze für das Wort „vielleicht“.

 

Vor einem gutem Jahr schon wollte ich an dieser Stelle meine Stimme erheben, um einer Aufforderung zu widersprechen, die uns Passanten auf Litfaßsäulen und anderen Werbeflächen auffällig zurief, was wir nicht sein sollten: „Don’t be a maybe“ war da zu lesen. Zunächst war nicht klar, für was hier geworben werden sollte. Das Rätselraten war geplant, es erhöht die Aufmerksamkeit. Im weiteren Verlauf der Plakataktion stellte sich heraus, dass die Zigarettenindustrie dahinter steckte und den schutzlosen Verbrauchern damit einzureden versuchte, nicht lange zu zögern und entschlossen zur Marlboro zu greifen.

Nach dem Protest wütender Nichtraucher, die hierin eine skrupellose Verführung Minderjähriger zum tödlichen Rauchen sahen, wurde die Werbeaktion vom sich einsichtig gebenden Hersteller ausgesetzt. Nun ist die Parole wieder überall in der Stadt zu lesen, deren Sinn sich übrigens englisch sprechenden Menschen weniger erschließt als uns. Es ist ein kunstenglisches Wortspiel extra für Deutsche, nicht leicht zu übersetzen, weil das Adverb „maybe“ zum Substantiv gemacht wird: Sei kein Vielleicht-Typ, sei kein Kann-sein-Sager – das in etwa bedeuten die Worte.

Mit dieser Ermahnung könnte auch für eine Kirche geworben werden. Den taffen Christen sind ja laue und unentschlossene Gläubige ebenso ein Dorn im Auge wie dem Sportartikelhersteller, der sich eine unbedarfte Proletenkundschaft herangezogen hat, die gefälligst blind die Marke anbeten und nicht unentschieden hin und her überlegen soll, ob es nicht auch ein anderer Turnschuh tut. Auch für die Automobilindustrie und Eheanbahnungsinstitute passt die Parole, denn ohne eine gewisse Entscheidungskraft kommt keine Partnerschaft, kein Autokauf zustande.

Vom Rauchen und der Volksgesundheit mal ganz abgesehen: Der Slogan ist von gefährlicher Dummheit. Die Werber, die sich als die großen Kreativen verstehen und feiern lassen, suggerieren damit, dass der „Maybe“ ein liebesunfähiger Schwächling ist. Dabei ist es nicht zuletzt die Fähigkeit, „vielleicht“ zu denken und zu sagen, die uns vom wild entschlossen zubeißenden Tier unterscheidet und so etwas wie Kultur beschert. „Sein oder Nichtsein“, fragte sich Hamlet, der uns in seiner Unentschlossenheit dann doch entschieden lieber ist als der markig zupackende Depp, der Marlboro als Idealkonsument vorschwebt. „Kann sein oder nicht sein“, ließe sich etwas weniger pathetisch und nicht unzutreffend sagen. Kann sein, dass das schöne Sommerwetter den August über hält. Oder auch nicht. Kann sogar sein, dass es entgegen aller Prognosen im September zu einem Regierungswechsel kommt. Warum nicht auch in Bayern. Weil nämlich immer mehr Menschen Maybes sind, unzuverlässige Wechselwähler, die die lästige Entscheidung, wem sie ihre Stimme geben sollen, erst in letzter Sekunde fällen.

 

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