Joseph von Westphalen Jammern mit Niveau

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur hat das Klagen satt, denn eigentlich geht es uns doch recht gut.

 

Den Deutschen, oder da wir nun mal dazugehören: uns Deutschen geht es gut, und den Bayern, beziehungsweise uns Bayern geht es laut Seehofer so dermaßen extrem gut, dass der lausbübische Landesvater das Wort „Bayern“ mittlerweile permanent und geradezu selig vor sich hinlallt, wie ein frisch verliebter Bräutigam den Namen seiner Braut oder ein Papa, der den persönlich gezeugten Nachwuchs stolz in den Armen wiegt.

Der Wirtschaft geht es gut, Import, Export, alles brummt. Wie gut es dem deutschen Fußball sprich der deutschen Nationalmannschaft geht, wird sich im Sommer nach der Weltmeisterschaft zeigen. Dem FC Bayern geht es bekanntlich etwas zu gut, sein Vorsprung beginnt die Leute zu langweilen.

Natürlich ist nicht alles erfreulich, die Ärzte, so heißt es, verdienen zu wenig, die Reichen müssen zu viel Steuern zahlen und die tolle Energiewende macht unserem Ökomusterland Probleme. Ein Angeber namens Beltracchi versetzt den Kunstmarkt in Schockstarre. Und auch im glorreichen Fußball gibt es Niederlagen oder durch Bänderrisse gefährdete Siege. Oder ein 40 Millionen teurer Spieler ist plötzlich nur noch lachhafte und demütigende 10 Millionen wert.

Wenn in all diesen Bereichen geklagt und Kritik geübt wird, ist zurecht gleich von einem „Jammern auf hohem Niveau“ die Rede. Vor allem im Fußball: Manager, Trainer und atemlose Spieler üben artig Selbstkritik mit diesem für unsere Immernochwohlstandgesellschaft exemplarischen Hinweis, das sei ein „Jammern auf hohem Niveau“. Man möchte schließlich nicht als niveauloser Jammerlappen erscheinen. Auch geplagte Ärzte und Unternehmer müssen meist zugeben, dass es ihnen nicht wirklich dreckig geht.

Stimmt ja auch. Wie lächerlich unsere Probleme gegen die der Ukraine. Angesichts von so viel Durcheinander, von Blut und Bankrott vergeht einem das Meckern an den hiesigen Zuständen. Und der Chiemsee hat auch keine hauptsächlich von Preußen bewohnte Halbinsel, die alle plötzlich nicht mehr zu Bayern gehören wollen.

Das Jammern von Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdner Rede über die künstliche Befruchtung war jedenfalls im Gegensatz zu dem selbstkritischen und munteren Jammern der Fußballer ohne jedes Niveau, es war ein jämmerliches Gezeter. Zum Glück besitze ich kein Buch der Autorin. Ich konnte sie noch nie lesen. Ihr allseits gepriesener Stil, in dem auch ihre widerwärtige Rede gehalten war, kommt mir genüsslich gedrechselt vor und ist mir schon immer auf den Geist gegangen.

Jammern, egal auf welchem Niveau, ist oft kleinkariert und kann nerven. Deswegen an dieser Stelle kein Jammern über den kritischen Zustand dieser Zeitung.

 

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