Joseph von Westphalen In der Zimmerflucht

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal: Nausikaas Spuren im Internet

Weiß schon, mein Job als Flaneur ist es, mich mit offenen Augen und Ohren auf den Straßen der Stadt herumzutreiben und nach merk- und denkwürdigen Zeiterscheinungen Ausschau zu halten. Gelegentlich geraten auch hochwürdige oder unwürdige ins Gesichtsfeld.

Neulich habe ich mich mit jemandem, der in der Hypo-Kunsthalle war, in den Fünf Höfen getroffen, um die ich normalerweise einen Drückebergerbogen mache, weil es diesem Ort nach meinem Geschmack doch entschieden an architektonischer Würde fehlt, die man von einer großstädtischen Passage verlangen kann. In grausamer Gefühllosigkeit kann ich das „zum Bummeln einladenden Ambiente“, von dem die Ladenbetreiber schwärmen, nicht nachempfinden. Solches Eigenlob führt bei mir sofort zu Konsumverdruss. Ich nutze die Passagen nur bei strömendem Regen. Sie existieren seit über zehn Jahren, und ich will mich noch immer nicht an sie gewöhnen.

Die Fünf Höfe sind allerdings nicht daran schuld, dass ich neulich mal wieder nicht vom Computer wegkam. In einer selbst verordneten Nachhilfestunde hatte ich mich mit der schönen Nausikaa befasst, die dem splitternackt ans Land gespülten Odysseus ein frisch gewaschenes Tuch zum Bedecken seiner imposanten Blöße reicht, und war auf die Internetseite einer gewissen Natalie Lyon gestoßen, eines vielleicht 18-jährigen Mädchens, nicht unflott, nach ihrem zwei mal drei Millimeter großen Porträt zu urteilen. Natalie findet Gefallen daran, jede Menge seltener Bilder aus der antiken Mythologie auf eine Pinnwand zu stellen – auch wunderschön kitschiger, die man nie zu sehen bekommt, weil sie die Museen verschämt in den Magazinen verwahren.

Das Gerede von Bildungsnotstand ist möglicherweise nur Panikmache pensionierter Oberlehrer. Ich jedenfalls werde mich nie mehr über die auf ihren Smartphones herumwischenden Schüler lustig machen. Wer weiß, vielleicht sind sie ja gerade mit dem Pinnen und Posten griechischer Vasenmalerei und oder präraffaelitischer Schmachtladys beschäftigt.

Bei meinem Lustwandeln auf den Spuren von Odysseus und Nausikaa bin ich auf eine Magisterarbeit gestoßen, die dankenswerterweise offen im Netz steht. Ein spannender Bauherrenkrimi (einfach nach dem Autor googeln, Mattias Memmel, und das Stichwort „Odyssee“ dazugeben). Es geht um eine mit Szenen aus der Odyssee ausgemalte Suite in der Münchner Residenz. Ludwig Schwanthaler, der später die Bavaria schuf, hatte auf Wunsch Ludwig I. die Entwürfe gemacht.

Zwischen dem Architekten Klenze und verschiedenen Künstlern kam es bald zu Reibereien. Schließlich entstand nach jahrelangem Hin und Her und hohen Kosten eine Zimmerflucht, die nur als Abstellraum diente, weil sie dem König so wenig gefiel wie mir die Fünf Höfe. Die Räume gibt es nicht mehr. Sie wurden im Krieg zerstört und zum Glück nicht wiederhergestellt.

 

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