Joseph von Westphalen Ich glaube nicht an Geister

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal rätselt er über die Worte eines Amerikaners am Biertisch

 

Was meint ein amerikanischer Tourist, der im Weißen Bräuhaus den Einheimischen am Tisch zunickt und sich mit den Worten „super spirit“ verabschiedet?

Rätselraten. Dann die ersten Deutungsversuche. Das Weißbier! Er hat gemeint, dass er das Weißbier super findet. Schmarrn, Kopfschütteln, Widerspruch, Richtigstellung: Weißbier ist zwar super, aber „spirits“ sei, wie auch im Deutschen die Spirituosen, nur Hochprozentiges. Himbeergeist zum Beispiel. Bier ist zwar gut aber geistlos.

Das wäre geklärt. Apropos geistlos: Plötzlich kommt ein Verdacht auf. Vielleicht hat der Ami das ironisch gemeint: Super spirit hier am Tisch hieße dann also auf gut deutsch: Scheiß Stimmung, keiner sagt was, ihr seid eine ganz schön stoffelige und geistlose Bagage! Protest, heftige Einwände: Nie und nimmer, das war ein total naiver Sunnyboy. Langsam kommt man der Wahrheit näher. Er fand es einfach super hier, er meint die Atmosphäre im alten Wirtshaus, er meint den Geist der Stadt.

So, so, der Geist der Stadt. Schweigen am Tisch. Und der wäre? Bedächtige Schlucke aus den Biergläsern. Besinnungspause. Ich hatte bisher so getan als ob ob ich Zeitung lese. „Vielleicht weiß der Herr Zeitungleser, was für ein Geist in der Stadt herrscht“, sagte er einer. Das hatte ich befürchtet.

„Also herrschen tut keiner“, sagte ich. Ich wollte mich einem weiteren Verhör entziehen und redete mich heraus: „Ich glaube nicht an Geister.“

Ich hatte keine Lust, einen Stehgreifvortrag darüber zu halten, dass es mir zunehmend auf den Geist, oder, um den jetzt mal auszuklammern, auf den Keks oder Senkel oder Sack ging, wie neuerdings immer mehr vom „Spirit“ die Rede ist, der ja nicht nur Städten nachgesagt wird, sondern auch Zigarettenmarken und von Zigarettenmarken veranstalteten Abenteuerreisen, aber auch geruhsamen Kreuzfahrten und Wellnesswochenenden in romantischen Hotels beziehungsweise Romantic Hotels. Vor allem Markenklamotten und Turnschuhe pochen auf den Spirit. Kult ist nicht mehr genug. Je geistloser etwas ist, desto mehr reklamiert es für sich, von einem Spirit durchdrungen zu sein, der vage mit Freiheit und gutem Draufsein zu tun hat und in jedem Fall mit dem Wort „super“ ausreichend definiert ist. Spirit, das klingt nicht gleich so so nach Kommerz.

Fußballfans sind jetzt nicht mehr einfach nur grölende Anhänger, sondern Geistesmenschen, die den Spirit eines Vereins ausmachen. Im Fall des FC Bayern feuern sie eben nicht mehr nur die eigenen Spieler an, sondern gewähren großherzig dem in Bedrängnis geratenen Uli Hoeneß geistigen Beistand. Fast schon spirituell, was da abgeht.

Olympia und seine Sponsoren nehmen natürlich auch jede Menge „Spirit“ für sich in Anspruch. Die Ablehnung der Winterspiele durch die erstaunlich kritischen Bürger war allerdings noch um einiges inspirierter. Ein Zeichen dafür, dass die Bayern doch noch alle Tassen im Schrank haben. Diese Art von Geist dürfte der freundliche Amerikaner nicht gemeint haben.

 

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