Joseph von Westphalen Genveränderte Bayern?

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Unsere TV-Kritikerin Ponkie ist in Urlaub. Dafür sieht der Flaneur jetzt „quer“ durch die Programme

 

Kein noch so exotischer Strand, auch wenn ihn das Auswärtige Amt als friedlich und für deutsche Touristen ungefährlich einstuft, kann so paradiesisch sein wie unsere Stadt im August. Egal ob kein Geld oder keine Lust zum Verreisen da ist oder ob Familien mit Schulkindern großzügig Urlaubsvortritt gelassen wird – eine stillschweigende Solidarität schweißt die Daheimgebliebenen zusammen. Selbst wenn man nicht mit dem Auto in der Stadt unterwegs ist, freut man sich über die vielen leeren Parkplätze, die die Straßen luftig erscheinen lassen.

Wer arbeiten muss, hat keine Alltagsgefühle. Weniger Trott und Routine. Auch weil in Radio und Fernsehen vertraute Sendungen entfallen. Man muss ohne die „heute show“ im ZDF auskommen, in der Oliver Welke das Lallen von Brüderle und das mopsige Schweigen von Merkel vorführt. Kann aber nicht schaden, wenn einen die munteren Witzbolde allein lassen und man wieder mal selbst achtgeben muss auf blödsinnige Politikeräußerungen und hirnrissige Wahlplakate und all das, was in der vergangenen Woche lächerlich oder zum Heulen war. Man verliert ja noch seinen eigenen kritischen Blick, wenn einem der Schwachsinn immer so schön serviert wird.

Das gilt auch für die Sendung „quer“ im Bayerischen Fernsehen, in der uns Christoph Süß in der Nichtferienzeit am Donnerstagabend vorführt, dass es oh Wunder durchaus auch echte Bayern gibt, die nicht nur bierselig von ihrer weißblauen Heimat schwärmen und für die das CSU-Wählen eine Selbstverständlichkeit und Ehrensache ist. Neulich war eine biedere Hausfrau zu sehen und zu hören, die auf die Frage, warum die Bayern so gern schwarz wählen, nach kurzem Nachdenken die fast weise wirkenden Worte sprach: „Weil’s blöd san.“

Gelegentlich lässt der originalbajuwarisch-valentineske Moderator die Hoffnung aufkommen, dass blinde CSU-Hörigkeit vielleicht doch kein angeborenes Erbgut ist, mit dem wir die nächsten Jahrhunderte leben müssen, weil genveränderte Bayern auch nicht das Wahre wären.

„Quer“-Fans haben sich am Schluss der Sendung immer über den überlebensgroßen Seehofer-Imitator amüsiert, ein selbstverliebter Riesengänserich, der prustend mit seinen hinterfotzigen Machenschaften prahlt. Seitdem Ude sich gegen den kindisch kichernden Ministerpräsidenten hat aufstellen lassen, kommt Münchens Noch-OB und SPD-Herausforderer als Handpuppe des monströsen Horst vor, der mit diesem herumzetert – leider eine ziemlich platte satirische Idee, die dem einst frechen und souverän überparteilichen Sketch einen albernen CSU-humorigen Anstrich verleiht.

Die Sommerpause erspart uns weiteres verkrampftes Wahlgewitzel. Auch das ist gut für das Feriengefühl.

 

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