Joseph von Westphalen Emil und das Datenspeichern

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Dem Flaneur gelingt es nicht, einen Freund vom Computer wegzulocken

 

Mit meinem Freund, den ich aus Gründen der guten alten Diskretion den Tarnnamen Emil gebe, ist zur Zeit nicht viel anzufangen. Schade. Biergarten- und Straßencaféunterhaltungen mit ihm sind anregend, denn er interessiert sich für alles Mögliche. Aber eben dieses Interesse ist schuld daran, dass er oft seine vier Wände nicht verlässt.

Im Augenblick beschäftigt uns alle die Massenspionage der westlichen Vorzeigedemokratien. Das Wissen um deren aberwitzige Ausmaße ist den Eröffnungen von Edward Snowden zu verdanken. Dafür sollte der gute Mann nicht gejagt werden, sondern den Friedensnobelpreis erhalten. Die monströse weltweite Datenschnüffelei hat ein anderes Thema in den Hintergrund gedrängt, das zuvor die Gemüter bewegte: die von der Telekom angedrohte Drosselung beziehungsweise Verteuerung schneller Internetverbindungen.

Genau dies war für Emil einer der Gründe, seine Netzaktivitäten zu erweitern. Er hat mit Facebook und Twitter nichts am Hut, er tummelt sich nicht in Foren, er schreibt keine Bloggs. Emil geht gezielt und konzentriert vor. Er buddelt und baggert. Er schuftet. Tag und Nacht. Das Internet ist seine Fundgrube, seine Goldmine. Er schaufelt und schürft.

Der NSA-Skandal hat dazu geführt, dass die Unionsparteien das Wort „Vorratsdatenspeicherung“ nicht mehr in den Mund nehmen wollen. Klingt nach Überwachungsstaat. Könnte Wählerstimmen kosten. Mein Freund Emil will nicht gewählt werden. Wenn er wieder keine Zeit fürs Kino hat, witzelt er: „Bin noch am Datenspeichern auf Vorrat.“ Noch gibt es im Netz alles so gut wie umsonst, diese schönen Zeiten sieht er vergehen. Er will sie ausnützen, so lange es geht.

Drei Computer hat Emil, sie sind ständig im Einsatz. Mit der Sammelwut eines Geheimdienstlers lädt er alles auf seine Festplatten, was ihn interessiert oder einmal interessieren könnte: mittelalterliche Buchmalerei in höchster Auflösung, jede Menge alte Bob-Dylan-Konzerte, Straßensänger in Paris oder New York, die gar nicht wissen, wie unpeinlich anrührend sie „Lady Jane“ von den Rolling Stones singen und ihr Video schüchtern bald wieder entfernen. Emil hat es entdeckt, heruntergeladen, abgespeichert und bewahrt es mit Hunderten anderer Songs und Arien in seinen digitalen Vorratskammern auf. Entzückende Romane und Reiseberichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, für deren Download man auf den Internetseiten von Geschäftemachern Geld bezahlen muss, gibt es für den findigen Emil noch immer umsonst – und er häuft und hortet. Kaum tauchen alte, wenig bekannte Filme von Visconti oder Chabrol im Netz auf, hat sie Emil entdeckt und heruntergeladen, ehe sie wieder verschwunden sind.

Plemplem, diese Raffgier? „Keineswegs“, sagt Emil. Das sei seine Altersversicherung. Zwischen 90 und 100 werde er genug Zeit haben, sich die Schätze anzusehen.

 

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