Joseph von Westphalen Eine Frage der Zeiteinteilung

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur erklärt den praktischen Vorteil manch Bildender Kunst

 

Neulich habe ich mich über die flotten Leute mokiert, denen schon ein kurzer Zeitungsartikel zu lang ist. Wie oft, wenn man sich über Zeiterscheinungen lustig macht, weicht man damit der bitteren Wahrheit aus. Mit ein paar Spä- ßen übergeht man wieder mal, dass auch eine lachhaft erscheinende Unsitte ihre durchaus bedenkenswerten Gründe hat.

Dass Lesen vergleichsweise viel Zeit kostet, ist eine Tatsache – eine traurige insofern, als der fleißigste Leser kaum mehr als 4000 Bücher in seinem Leben schafft. Und das nur, wenn mit 20 anfängt, jede Woche eins wegliest und 100 Jahre alt wird. Dabei sind, trotz der Unmassen von gedrucktem Schrott, 4000 Bücher nur ein Bruchteil dessen, was lesenswert ist.

Um 4000 Bilder anzusehen, braucht man kein Leben lang. So viele Fotos schießt der fleißige Urlauber mit seiner Digitalkamera locker im Urlaub. Die scheinbar gigantische Masse ist im Handumdrehen gesichtet, gesiebt und sortiert. In der Zeit hat ein Leser gerade mal 20 Seiten hinter sich und ist noch unentschlossen, ob sich das Weiterlesen für ihn lohnt.

Um mir ein Bild von Anna Karenina zu machen, muss ich Tolstois dicken Roman lesen. Schon ein Filmfoto von Kira Knightley oder Greta Garbo in dieser Rolle reicht aus, mir die erotische Ausstrahlungskraft und die verzweifelte Leidenschaftlichkeit dieser Person in einem Sekundenbruchteil klar zu machen. Das Bild und die bildende Kunst sind in diesem Punkt der Literatur überlegen – und auch der Musik, die einen zwar rasch elektrisieren kann, aber zwei, drei Minuten muss ich schon hinhören, um mir ein vorläufiges Urteil zu bilden.

Wenn der chinesische Dissidentenkünstler Ai Weiwei auf der jetzigen Biennale in Venedig hunderte von hölzernen Hockern kreuz und quer übereinander türmt, dann war das sicher viel Arbeit. Egal ob ich den Verhau grandios und systemkritisch finde oder billig und effekthascherisch: Ich brauche für mein Urteil nur wenige Sekunden. Auch wenn ich länger staunend vor dem Werk verweile, kapiere ich nicht mehr. Zweifellos ein Vorteil der neueren Kunst, dass man sich rasch einen Eindruck machen kann.

Das gilt auch für einen nicht der Selbstvermarktung verdächtigen modernen Klassiker wie den bescheidenen Mark Rothko, der sich mit seinen Farbfeldern viel Mühe gegeben hat. Egal ob es gefällt oder nicht: gesehen und toll oder nicht so toll gefunden ist so ein Bild in einem Augenblick.

Was ich sagen wollte: Endlich war ich in der bald zu Ende gehenden Jan-Brueghel-Ausstellung in der Alten Pinakothek. Zwei Stunden hatte ich eingeplant. Die reichten nicht, um auch nur annähernd den Reichtum eines einzigen Bildes dieses alten Meisters zu erfassen.

 

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