Joseph von Westphalen Ein Stilleben mit Nachhaltigkeitsbotschaft

 Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal zeigt er Verständnis für den unkonzilianten Biertischbajuwaren

 

Als Mitarbeiter dieser Zeitung kann ich mich schlecht auf den Marienplatz stellen und in ein Megaphon krächzen: Nicht immer nur über die vom Verschwinden bedrohten Traditionen lamentieren, liebe Leute, sondern auf zu Hauf in die Zeitschriftenläden und zu den Zeitungskästen und kaufen was das Zeug hält.

Ich wählte also die leisere Form des Kampfs ums Weiterleben, kaufte mit eine Abendzeitung obwohl ich zu Hause schon eine hatte, zahlte mit glühendem Überzeugungsblick, mit dem ich die Angemessenheit des neuen Preises auszudrücken und Stimmung gegen etwaige Preiserhöhungsnörgler zu machen versuchte, ging ins gut besuchte Weiße Bräuhaus, fragte mich wie immer, wieso ich nicht öfter hier her ging und setzte mich zu anderen an den Tisch.

Neben dem frischen Bier wirkte die frische Zeitung wie auf den Fotos der Werbekampagne, mit denen ohne viel Worte darauf hingewiesen wird, dass auch eine teurer gewordene Zeitung noch immer um einiges billiger ist als das, was man so täglich ziemlich gedankenlos in sich hinein schlürft. Espresso und Croissant sind schnell geschluckt und fördern nicht unbedingt den Durchblick. Vom Printmedium hat man länger etwas.

Ein hübsches Stillleben mit diskreter Nachhaltigkeitsbotschaft, aber ich wollte etwas bewegter Reklame machen, dabei auch zeigen, dass eine Zeitung kein Dekorationsobjekt ist und begann demonstrativ interessiert zu lesen, das heißt ich tat so, denn ich hatte die Zeitung schon am Morgen gelesen, was den Vorteil hatte, dass ich jetzt unauffällig zuhören konnte. Am Tisch saß ein junger amerikanischer Tourist, der ein paar Worte deutsch sprach. Er tat mir ein bisschen leid, weil er ziemlich erfolglos mit den ziemlich originalen Münchnern am Tisch ins Gespräch kommen wollte.

Lag es an den Spachbarrieren oder an der irgendwie auch verständlichen Unlust der Tischgenossen auf einen Austausch von Klischees? In Amerika sind die dort auch existierenden Grantler wenigstens extrem fremdenfreundlich - so jedenfalls lautet die von Amerikafans immer wieder verbreitete Legende, die auch einmal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden sollte. Was würde der arme Mann zu Hause von München berichten?

Ich hatte jetzt aber keine Lust, den freundlichen Vorzeigeeinheimischen zu spielen und eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen. Er ließ sich ohnehin in seiner munteren Weltumarmungslaune nicht beirren und sagte strahlend: „Super spirit!“

Wie dieser Ausruf am Tisch gedeutet wurde, berichte ich nächste Woche.

 

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