Joseph von Westphalen Die tätowierte Stadt

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur erkundet Berlin und zieht den obligatorischen München-Vergleich

 

In der abgelaufenen Woche war ich ein paar Tage in Berlin und habe Freunde besucht. Natürlich ist so ein Aufenthalt nicht ohne das übliche Abwägen der verschiedenen Lebensqualitäten zu haben. Städtevergleiche sind wie auch Parteienvergleiche amüsante Gesellschaftsspielchen, auch wenn sie selten zu einem Ergebnis führen. Immerhin stellen sich dabei Schicksalsfragen. Man kann ein bisschen herumphilosophieren, und das bringt im Zweifelsfall mehr, als den verdächtig schlauen Peter Sloterdijk zu lesen oder den verdächtig schicken Richard David Precht.

Hätte man sich vor 20 Jahren nach Berlin abgesetzt, wäre man man vermutlich längst mietgünstiger Bewohner oder vielleicht sogar Besitzer einer einst spottbilligen 5-Zimmer-Altbauwohnung, wie es sie in München gar nicht gibt, und wenn, wird sie hier von Maklern mit vor Begeisterung feuchten Augen als einzigartiges Wohnjuwel für ein paar Tausender Monatsmiete angeboten. Unklar ist nur: wäre man glücklicher in solchen Räumen?

Das Wetter war in Berlin noch hochsommerlich warm, T-Shirt bis nachts um eins, wenig Lust auf Museen. Den Starnberger See vermisst man so wenig wie die Isar. Denn an der Grenze zu Potsdam in den Schlossparks zu lustwandeln und sich zwischendurch in die Gewässer der Havel zu stürzen (auch splitternackt möglich bzw. üblich) und eine Runde zu schwimmen ist nicht ohne, zumal mit Blick auf den Cecilienhof, wo im Sommer 1945 Stalin, Churchill und Truman konferierten. Das ist dann doch immer noch bedeutungsvoller als die Tatsache, dass die Dächer, die über den alten Bäumen sichtbar werden, zu den Villen von Joop und Jauch gehören.

Die Reize von Städten nach deren Nachtleben zu beurteilen, ist hysterisch. In welchen Clubs die angesagtesten DJs die abgefahrenste Musik machen, wo am ekstatischsten getanzt wird, mag für flügge werdende Kinder interessant sein oder für Drogengreise im Jugendwahn. Erfolgsautorin Helene Hegemann hat mit 18 in einem Buch darüber berichtet, mittlerweile ist sie 21 und dürfte diese Phase als infantile Albernheit ansehen.

Die U-Bahnfahrten in Berlin sind lehrreicher als in München. Wie man die Kronenverschlüsse der Bierflaschen mit den Zähnen öffnet (und wie das knirscht) kann man gen Kreuzberg studieren - auch den Charme eines seligen Trinkerlächelns mit Zahnlücken. Wer Tatoos nicht für eine Dummheit hält, sondern für eine lebenslängliche Beleidigung des guten Geschmacks und der menschlichen Haut, findet in den verhauten Vierteln von Berlin viel Beweismaterial.

Graffitis können schön und witzig sein, aber nicht in der Dichte und auf dem künstlerischen Niveau: mieser, esoterisch angehauchter Stümperspray. Ganze Straßenzüge sehen aus wie ein abscheulich zutätowierter Arm. Immer wieder ertappt man sich bei dem bravbürgerlichen Gedanken: So schlimm und spießig, wie wir oft selbst befürchten, ist das vergleichsweise unverschmierte München auch wieder nicht.

 

5 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading