Joseph von Westphalen Der Körper vergisst nichts

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Unser Kolumnist sinniert über die Vergänglichkeit  allen Fleisches

 

Nach dem verregneten Mai ging ich in den Park und dachte über das unverdiente Glück nach, nicht in Passau oder Magdeburg zu wohnen. Dann müsste ich, statt genießerisch auf einer Bank zu sitzen und das Gesicht in die endlich strahlende Sonne zu halten, traurig meine schlammverschmierten Bücher und Platten entsorgen.

Ein verschwitzter Jogger beendete direkt vor mir seinen Lauf und nutzte meine Bank für Dehn- und Streckübungen. Ich fand, er hätte fragen können, ob mich das stört. Seine konzentrierte Andacht, die Art, wie er selbstverliebt seine drahtigen Beine anfasste, ging mir auf die Nerven. Ich selbst kann stundenlang spazierengehen, radfahren, durch Seen schwimmen und Berge besteigen, würde aber schon nach wenigen hundert Metern flotten Trabens ohnmächtig zusammenbrechen. Von daher habe ich einen gewissen Respekt vor Dauerläufern und wollte ihn nicht gleich grantig fragen, ob er seine intimen Verrichtungen unbedingt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft absolvieren müsse.

Ein unwilliges Zucken meines Mundes konnte ich nicht verhindern. Das schien er bemerkt zu haben, denn er sagte nun etwas. „Der Körper vergisst nichts“. Ich musste nachfragen und wurde belehrt: die Knie mögen das viele Laufen nicht, es kommt zu Abnutzungserscheinungen. Offenbar warb er mit dieser Bemerkung um Verständnis für seine geschundenen Knochen. Ich sollte nachsichtig mit ihm sein.

Als er weg war, setzte sich eine Frau mit einer übergroßen Schirmmütze neben mich. Weil schweigen blöd ist, sagte ich: „Endlich Sommer!“ Sie musterte mich von der Seite und warnte mich vor der Sonne. „Die Haut hat ein gutes Gedächtnis“, sagte sie.

Der Körper, mit dem man doch bisher ganz gut über die Runden kam, wird neuerdings für eine nachtragende Mimose gehalten, für eine Art leicht zu beleidigende Leberwurst, die nur darauf wartet, sich zu rächen. Die Haut merkt sich angeblich jeden wärmenden Sonnenstrahl und zahlt es einem mit Hautkrebs heim, die Lunge zählt pingelig jede Zigarette, der Schmerbauch verzeiht kein Bier und keine Bratwurst – und auch der asketische Marathonläufer wird nicht verschont und erhält mit seinen kaputten Knien die Quittung für seine Sucht.

Das Hirn scheint der einzige Körperteil zu sein, der so nett ist, auch mal ein Auge zuzudrücken und etwas zu vergessen.

 

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