Joseph von Westphalen Das war's

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Die Stunde des Abschieds hat geschlagen, liebe Freunde des gehobenen Boulevardfeuilletons, der Flaneur geht von Bord dieser Zeitung. Ohne Tränen, ohne zu klagen. Ich kann nicht klagen.

Wer hat schon die Gelegenheit, seine Abschiedsrede bei vollem Verstand selbst zu halten. Dass es mich nun nicht mehr geben wird, kann ich schlecht selbst bedauern. Schlimmer noch immer, dass es das „Roma“ an der Maximilianstraße schon so lange nicht mehr gibt, dass sich stattdessen betuchte Spaßbürger bei Gucci herumtreiben. Oh ihr Münchner! Dass ihr diesen Laden nicht boykottiert, verzeih’ ich euch nie. Auch der Tod des Filmcasinos am Odeonsplatz war unverzeihlich.

Dagegen ist mein Scheiden belanglos. Gern wäre ich noch ein paar Jährchen weiter flaniert, aber wann hört man auf? Irgendwann wird man senil. Dann hätte man mir den Griffel sanft aus der Hand gewunden und mir ein Abschiedsfest gegeben. Der Bürgermeister hätte herumgesülzt, der Verleger verlogen meine Verdienste gepriesen. Bleibt mir alles erspart.

Schuld an meinem Abgang bin in erster Linie ich selbst. Nicht gut genug. Ich hätte jede meiner 325 Kolumnen so gut schreiben müssen, dass man sich die immer größer werdende Auflage dieser Zeitung aus den Händen gerissen hätte, dass die Leute aus Dankbarkeit 10-Euro-Scheine statt Münzen in den Zeitungskasten gesteckt hätten, dass man mir eine Privatsekretärin mit irrsinnig kurzem Rock, irrsinnig langen Beinen und irrsinnig aufregender Stimme spendiert hätte, die mir jeden Samstag zum Frühstück eine Stunde lang das beste aus den Tausend Leserbriefen der vergangenen Woche vorgelesen hätte, dass Münchner in aller Welt sich mit Sonderflugzeugen die Abendzeitung bis nach nach Alaska und Neuseeland hätten schicken lassen, dass im Ersten Deutschen Fernsehen jeden Samstag statt des Wortes zum Sonntag, abtrünnige Theologen meine Kolumne verlesen hätten, dass schon am Freitagnachmittag die Internetseite der AZ unter das Last der Anfragen nach den neuesten Auslassungen des Flaneurs zusammengebrochen wäre. Ich habe das nicht geschafft, ich Versager.

Und wenn ich mal richtig gut war, habt ihr es nicht gemerkt, unaufmerksame Leserbande! Ich sage nicht, dass die bisherige Abendzeitung die Verkünderin der Wahrheit war. Dieses Buhlen um Aufmerksamkeit mit idiotischen Schlagzeilen, diese bescheuerten Spagate, um junge und alte, Kulturbanausen und Kulturspießer, nicht nur die CSU hassende sondern auch von der SPD genervte Leser zu erreichen, sind oft selbst nervig gewesen.

Dennoch war die AZ all die Jahre entschieden weniger läppisch als die Konkurrenz. Da ich der Redaktion nicht angehörte, kann ich das von außen beurteilen. Doch was lesen die denkfaulen Einfaltspinsel in der S-Bahn? Die läppische Konkurrenz. Ein Held hätte den Konkurrenzlesern ihre Blöd-und-billig-Blätter mit den Worten aus der Hand gezupft: Lies doch den Schnarrn nicht. Dann ein bisschen diskutieren, bis sie es vielleicht kapieren. Du, lieber AZ-Leser, warst in dieser Beziehung nicht sehr hilfreich. Du hättest wenigstens strafend und spöttisch über den Rand der Zeitung auf all die Konsumenten des totalen Schwachsinns blicken können.

Es war zu hören, die neue AZ solle liebevoller und familienfreundlicher werden. Das wäre ein schönes Thema für die nächste Kolumne gewesen. Das geht nun nicht mehr. Schade, dass ich keinen Schlaubergervertrag hatte, der mir eine fette Abfindung garantierte. Vorteil: Ich muss mir nicht vorkommen wie ein Kotzbrockenmanager à la Middelhoff. Stattdessen muss ich ab morgen nach neuen Schreibjobs Ausschau halten.

Also, das war’s dann. Ich will nicht hämisch werden am Schluss, sondern liebevoll, und rufe nicht „Gute Nacht“, sondern so munter wie möglich: „Guten Morgen und viel Glück!“

 

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