Joseph von Westphalen Da hilft Nietzsche

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal muss er sich von den Strapazen der Heiligsprechung entspannen.

 

Der Papst Franziskus mit seiner Vorliebe für bescheidene Autos ist so ein netter, einfacher, volkstümlicher Kerl, man kann ihm einfach nichts übel nehmen. So wurde die Heiligsprechung zweier seiner päpstlichen Vorgänger dann auch von den Medien mit der gebührenden Kritiklosigkeit präsentiert, obwohl das Ereignis eher das bombastische Hybridformat einer olympischen Eröffnungsfeier hatte. Trotzdem gab es in den Medien keinen Spott, kein Kopfschütteln, eher respektvolle Verwunderung über die Aufgeschlossenheit der katholischen Kirche, die mittlerweile so fortschrittlich ist, dass man Chancen hat, auch ohne die Vorführung von Zaubertricks und ohne das Erdulden von Martyrien heilig gesprochen zu werden.

Mein Gott, sie tun einem ja nicht weh, die Hunderttausende von Pilgern auf dem Petersplatz, so wenig wie die Millionen Polen, die stolz auf den frisch gekürten heiligen Wojtyla vor Riesenbildschirmen patriotische Glückstränen vergossen. Immer noch weniger peinlich, als wenn die Verteidigungsministerin auf die Idee käme, bei einer Großveranstaltung vor dem Brandenburger Tor unsere tapferen Bundeswehrsoldaten für ihre Auslandseinsätze mit Orden zu dekorieren.

Trotzdem kann es nicht schaden, den guten alten Nietzsche zur Hand zu nehmen, der ja in Sachen Christenkritik für jeden am immer noch waltenden Glaubenswahn verzweifelnden Heiden ein zuverlässiger Tröster ist. Wenn man das heute schreiben würde, was Nietzsche vor 125 Jahren zu Papier brachte, könnte man sich der Leserbriefe nicht mehr erwehren. Fromme Massenansammlungen waren Nietzsche als Individualisten besonders zuwider: „Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen.“

Für den Satz würde heute jeder TV-Comedian gefeuert werden. Am schlimmsten die Heiligen: „Es gab nichts Verlogeneres bisher als Heilige.“ Nietzsche weiß längst, dass er nach seinem Tod ein kultisch verehrter Autor werden wird und schreibt: „Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht… dass man Unfug mit mir treibt… Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst.“ Wem Nietzsche zu hart ist, der kann bei Lena Christ nachschlagen. Die begnadete Schriftstellerin aus Glonn hat mit der zur Schau gestellten Heiligkeit des bayerischen Katholizismus ihre Schwierigkeiten. Die Heiligsprecherei empfindet sie als Witz. Sie mokiert sich über eine Bäuerin, die „sogar dann heilig dreinschaut, wenn sie von ihren Hühnern erzählt“ und über deren Tochter, die „dies fromme Senken und Heben des Blickes“ auch schon übt („Madam Bäurin“, 1920). Und in dem Roman „Rumplhanni“ (1917) wird ein heuchlerisches Weib-stück im schönsten Kraftbayerisch beschimpft: „Du werst nachher besser gwen sei! Di werdn s’ scho in die Kindswindln heilig gsprocha hab'n!“

 

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