Joseph von Westphalen Bloß nicht besinnlich

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal findet er:  Nachdenken kann ausgesprochen obszön wirken.

 

Ein ruhiger Parkspaziergang ist ideal, um seine Gedanken zu ordnen. Das Problem: obwohl Nachdenken lebensnotwendig ist, möchte ich mir nicht nachdenklich vorkommen. Und keinesfalls möchte ich dabei auf andere Menschen nachdenklich wirken, da bin ich eitel.

Nachdenken ist eine intime Angelegenheit. Da ist erst einmal viel Blödsinn dabei um den man herumdenken muss, bis die Dinge sich langsam klären. Wenn ich schon diese Intimitäten in der Öffentlichkeit betreibe, möchte ich nicht, dass das jemand bemerkt. Nachdenken kann ich auch unauffällig auf- und abgehend beim Warten auf die U-Bahn, zur Not auch zu Hause im Sessel. Wer sich körperlich an der frischen Luft bewegen und seine Runden drehen will und keinen eigenen Schlosspark hat, kann das nur in der Öffentlichkeit tun. Die Leute laufen sehr verschieden: leicht und elegant, sogar verklärt lächelnd, geradezu diskret manche, andere watscheln verzweifelt vor sich hin im aussichtslosen Kampf gegen die nicht weichen wollenden Pfunde.

Ich habe mich an alle Varianten des Joggens gewöhnt. Gewöhnungsbedürftig finde ich immer noch die Ungeniertheit mancher Läufer, die nach dem Lauf ihre Dehn- und Streckübungen besonders sichtbar und und mit einer fast obszönen Verliebtheit in den eigenen Körper verrichten. Mag ja wichtig sein, aber muss man diese Exerzitien so demonstrativ zur Schau stellen? Trinken ist auch wichtig. Aber muss man alle paar Minuten eine riesige Wasserflasche aus der Außentasche der Kargo-Hose fischen und große Schlucke laut in sich heineingurgeln, als habe man soeben die Sahara durchquert?

Auch wenn Nachdenken keine Geräusche verursacht, geht man dazu sicherheitshalber an die Isar, setzt sich an eine abgelegene Stelle auf einen Stein und schaut ins Wasser. Wer nachdenkt, sieht aus wie der Denker von Rodin, also nicht sehr erleuchtet. Mehr wie jemand, der an Darmträgheit leidet. So sind Parks und Gärten voller Fallen.

Das dem Nachdenken verwandte, etwas weniger anspruchsvolle Sinnieren tut’s auch, aber auch hier gilt: Als Sinnierender muss oder will ich vermeiden, besinnlich zu wirken. Besinnlich geht gar nicht. Das wäre ganz nah am „Wort zum Sonntag“. Gehe ich zu langsam, komme ich mir müßiggängerisch und lächerlich lustwandelnd vor. Ich bin doch kein Hobbyphilosoph, keine Spitzwegfigur. Wenn ich schneller gehe, mag das besser für die Gesundheit sein, aber je flotter der Schritt, desto weniger funktioniert mein Hirn, desto mehr lassen meine geistigen Kräfte nach. Die frischen Ideen, auf die ich im frischen Grün der Frühlingsnatur kommen wollte, bleiben aus. Da hilft nur die Lektüre der Texte auf den kleinen Messingschildern an den Lehnen der meisten Parkbänke.

Eine kritische Analyse dieser Inschriften folgt nächste Woche an dieser Stelle.

 

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