Joseph von Westphalen Anmut und Würde

Der Flaneur lauscht musikalischen Ekstasen und hat schwüle Gedanken

 

Im Foyer des Münchner Volkstheaters an der Brienner Straße stellte die Express Brass Band ihre neue Platte vor. Trotz ungefähr 90 Grad Raumtemperatur und frischen 30 Grad draußen im Garten war das Konzert voll von Leuten von 20 bis 70, die sich freuten, dass musikalische Entfesselung auch außerhalb von Berliner Kultclubs und ohne angesagte DJs mit lächerlichen Kunstnamen möglich ist, dass ein Trommler und ein gutes Dutzend Blechblasinstrumente ausreichen, um Ekstase zu erzeugen.

Ich war mit einem Freund da, mit dem ich danach ein kühles Biere trinken wollte. Ich wollte mit ihm zusammen nicht nur von der Musik schwärmen, sondern auch von der Elfe, die ganz vorn nimmermüde genau so auf die Musik getanzt hatte, wie diese Musik war: ausgelassen, feurig, lachend. Auf jedes Saxofon- und Posaunensolo reagierte ihr Elfenkörper sichtbar entzückt. Sie tanzte nicht abweisend in sich versunken, sondern mit ansteckender guter Laune.

Ich hatte mit meinem Freund über die betrübliche Tatsache reden wollen, dass es nicht mehr möglich ist, sich in Richtung eines solchen wilden Wesens zu begeben und mit ein paar ähnlichen Bewegungen zu signalisieren, wie sympathisch einem das Rhythmusgefühl ist, und dass man zumindest, was die Musik und das Tanzen betrifft, der Richtigere für sie wäre, als der sich vergeblich mühende Zappelphilipp neben ihr.

Geht nicht. Schon ab 30 sehen derart temperamentvolle Bewegungen nicht mehr hinreißend aus, sondern wie groteske Verrenkungen. In einem enthemmt sich zur Musik bewegenden Publikum sehe ich jede Menge warnende Beispiele, und unterlasse dann lieber die Zuckungen, nach denen mir zumute ist.

Mein Freund, der Verräter, hatte keine Zeit für eine Unterhaltung über das Ende von Anmut und Würde beim Tanzen. Er musste schleunigst nach Hause. Es war ihm zunächst peinlich, zu sagen, warum.
Er hatte Torschlusspanik. Aber nicht wegen der Unerreichbarkeit der Tanzelfe. Die von der Telekom angedrohte Drosselung der schnellen Internetverbindung war der Grund. Sie hat ihn zu einem rasenden Internet-Downloader gemacht. Nicht uninteressant, seine neue Besessenheit. Darüber das nächste Mal.

 

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