Joseph von Westphalen Allah, lass blitzen!

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung: Diesmal gibt er sich in Istanbul lieber als Hamburger aus.

 

Wer das Gefühl hat, zu wenig Beachtung geschenkt zu bekommen, sollte nach Istanbul reisen. Auf der Suche nach Nahrungsaufnahme schießen Dutzende von Kellnern aus allen umliegenden Lokalen auf einen zu und versuchen einen als Gast zu gewinnen.

Noch ärger ist es im Gedrängel der Bazare. Man fragt sich, wer all die Unmengen von Gewürzen, von kunstvoll gefertigten Süßigkeiten und Decken, Kissen und Teppichen braucht oder kauft, und warum Dutzende von Ständen nebeneinander mehr oder weniger das Gleiche anbieten. Man möchte das orientalische Marktsystem verstehen und die Spezialitäten in Ruhe zu bestaunen. Aber schon ein minimal interessierter Blick hat unabsehbare Folgen. Sofort umstellen Händler den unerfahrenen Touristen und bieten Kostproben an, heißen ihn mit Handschlag willkommen und erkundigen sich nach dem Herkunftsland. Kommt man aus Deutschland, macht das die Lage nicht einfacher.

Denn jeder Türke, mit dem man ins Gespräch kommt, hat entweder einmal in Deutschland gearbeitet oder hat einen Vetter oder Vater oder Bruder oder Sohn, der dort arbeitet oder gearbeitet hat. Entfernung und Erinnerung sorgen für Verklärung.

Das Problem von Parallelgesellschaften gibt es nicht. Als deutscher Tourist gehört man automatisch vollintegriert zur türkischen Großfamilie. Gesteht man, aus München zu kommen, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Natürlich wegen dem FC Bayern, dessen Siege neidlos gepriesen werden. Sofort werden sämtliche in Deutschland Fußball spielende Türken aufgezählt. Um den familiären Überschwang etwas zu mildern, habe ich mich versuchshalber als Hamburger ausgegeben. Der dortige Club ist bekanntlich weniger erfolgreich.

Nun aber kamen noch intensivere Sympathiebekundungen. Wegen der Demonstrationen in Hamburg. Die findet man in Istanbul noch toller als die Münchner Fußballer. Das Problem von Abriss und Sanierung ist in der tosenden Metropole am Bosporus mit ihren gestern 17 und morgen 19 Millionen Einwohnern ein ungleich größeres als in unseren schnuckeligen deutschen Großstädtchen. Gegen die Istanbuler Stadtverschandelungen wirken die Münchner Bausünden harmlos.

Alle behaupten, an Allah zu glauben, aber den kann es nicht geben. Er würde nicht zulassen, dass von den Minaretten aus derart albern scheppernden Lautsprechern zum Gebet gerufen wird und würde einen Blitz herunterschicken – auch in die Sendemasten, um zu unterbinden, dass die Gläubigen in den Moscheen Handys benutzen. Wein ist teuer, aber uneingeschränkt erfreulich ist, dass an jeder Straßenecke malerische alte Männer vor einem Berg von Granatäpfeln sitzen, aus denen sie für umgerechnet 50 Cent mit Hilfe eines mittelalterlichen Hebelgeräts ein Glas köstlichen frischen Saft pressen.

Das werde ich vermissen. Warum gibt es das hier nicht? Doch gibt es. Nicht die Straßenecken, aber zumindest diese schönen mechanischen Granatapfelpressen. Natürlich bei Amazon. Das geht zu weit.

 

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