Joseph von Westphalen Abgehört

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur pfeift auf Geheimhaltung und betätigt sich als Whistleblower

 

Es ist Zeit für ein Geständnis. Ich habe Intimitäten preisgegeben. Nein, ich habe nicht im Suff die Hose aufgekrempelt, meine stramme Wade geknipst, das Foto ins Internet gestellt und bereue jetzt meine schamlose Entblößung. Ich bin nicht bei Facebook und sammle keine falschen Freunde. Kindereien mache ich nicht.

Ich war in eine Abhöraffäre verwickelt. Ich bin eine Weile einer geheimdienstartigen Beschäftigung nachgegangen und habe dabei ein Doppelleben geführt. Nein, ich habe niemanden überwacht und ausgespäht. Schlimmer: ich habe mich überwachen und ausspähen lassen. Ich habe für 6 Euro im Monat einer obskuren Organisation zugearbeitet – wenn auch nicht dem Bundesnachrichtendienst BND, sondern der GfK, der Gesellschaft für Konsumforschung. Ich habe mich anwerben lassen.

Alles begann vor einigen Monaten. Eine fremde Person klingelte an der Tür und fragte freundlich, ob ich Lust hätte, meinen Fernsehkonsum messen zu lassen. Wieso ausgerechnet ich? Das Ermitteln des Bevölkerungsdurchschnitts mag zufällig aussehen, ist aber das Ergebnis von raffinierten Wahrscheinlichkeitsberechnungen.

Hat mich schon immer interessiert, wie diese ominösen Quoten zustande kommen, und ob da alles mit rechten Dingen zugeht. Man kann oder will die Angaben ja manchmal nicht glauben. Das war die Gelegenheit, die Methoden kennenzulernen.

Knapp 6000 Haushalte werden abgehört. Von einer Geheimdienstmitarbeit kann man insofern sprechen, als man von der Big Brother Firma dringend gebeten wird, mit niemandem darüber zu sprechen und im eigenen Interesse seine Anonymität zu wahren. Diese wie eine Geheimhaltungsverpflichtung aussehende Bitte wird von den Abgehörten offenbar ernst genommen. Sie bleiben im Dunkeln. Man kennt sie nicht. Als ich diese Passage im Vertrag las, unterschrieb ich sofort. Wann hat man schon mal Gelegenheit, Geheimnisverrat zu verüben.

Ein Techniker kam und verwanzte die Wohnung. Wobei man von Wanzen nicht sprechen kann. Die Abhörelektronik ist aufwändig, besteht aus viel Kabelgeschling und diversen Kästchen und ist nicht so unsichtbar wie die kleinen beißenden Insekten.

Quoten sagen nicht wirklich etwas aus, und Statistiken lügen bekanntlich. Also habe ich vom Beginn meiner obskuren Tätigkeit an dagegen gelogen und betrogen. Zumal die ganze Messerei nur zum Teil der Ermittlung der Fernsehquote dient. Eigentlich wollen sie wissen, wie kaufkräftig man ist und mit welchen Konsumgütern man liebäugelt.

Ich habe konsequent nur anspruchsvolle Beiträge eingeschaltet. Man kann als Geheimdienstmitarbeiter auf Knöpfe drücken und angeben, zu wie vielen man vor der Glotze sitzt. Bei besonders mehrheitsunfähigen Phoenix- oder arte-Sendungen am helllichten Tag habe ich mehrere Gäste im kaufkräftigen Alter dazu erfunden. Ich bin, während der Fernseher lief, spazieren gegangen und habe mir überlegt, gegen wie viele vor der Glotze dösende Hartz IV-Empfänger mein Fernseher anflimmert.

Geholfen hat das alles nicht. Oder hat jemand den Eindruck, das Fernsehprogramm sei besser geworden und es würden weniger wirkungslose Hustentabletten gelutscht?

 

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