Jogis Problemzonen Löw bleibt nach WM-Debakel Bundestrainer: Schafft er das?

Kündigte "tiefgreifende Maßnahmen" an: Der Immernoch-Bundestrainer Joachim Löw. Foto: Ina Fassbender/dpa

Joachim Löw will die deutsche Nationalmannschaft nach dem historischen WM-Debakel trotzdem in die Zukunft führen. Dabei gibt es zahlreiche Problemzonen zu bearbeiten. Eine AZ-Analyse.

 

München - Die kaiserliche Absolution erfuhr Joachim Löw am Mittwoch. "Es ist eine vernünftige Entscheidung", ließ Franz Beckenbauer, nach wie vor Deutschlands Fußballkaiser, via "Bild" zu Löws nun offiziell beschlossenem Verbleib als Bundestrainer ausrichten. Die größtmögliche fußballerische Sünde, das historisch einmalige WM-Debakel der deutschen Mannschaft in der Vorrunde, ist Löw somit von höchster Stelle vergeben.

Nicht vergessen! Dazu ist die Tragweite seines Scheiterns schlichtweg zu groß. "Tiefgreifende Maßnahmen", hatte deshalb der 58-Jährige selbst angekündigt. Das Erlebte gilt es jetzt aufzuarbeiten – und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Zeit drängt, denn schon am 6. September startet die DFB-Elf in München gegen den möglicherweise kommenden Weltmeister Frankreich in die neue Nationenliga. Aber auch wenn es mit Löw weitergeht, ist allen Beteiligten klar: Ein "Weiter so" kann es nicht geben. (Pro und Contra: Ist es richtig, dass Löw Bundestrainer bleibt?)

Hier lesen Sie Löws Leviten und Problemzonen sowie die Frage: Schafft er das?

Trainerteam

Mit Thomas Schneider und Marcus Sorg hat Löw zwei Assistenten der Kategorie Ja-Sager um sich. Deren Vorgänger Hansi Flick galt auch Löw gegenüber als kritischer und meinungsstärker sowie als wichtiger Bestandteil des Weltmeisterteams von 2014. Nach der Freistellung des 53-Jährigen bei Hoffenheim ist seine Rückkehr zum DFB nicht auszuschließen. Insgesamt wirkt der DFB-Stab um Chef-scout Urs Siegenthaler aufgebläht, eine Generalüberholung sinnvoll. Das machten auch die beiden DFB-Funktionäre Uli Voigt und Georg Behlau mit ihrem unsportlichen Jubel vor der Bank der Schweden deutlich, nachdem Toni Kroos den 2:1-Siegtreffer erzielt hatte.

Marketing statt Training

"Bei uns im Verein ist das Trainingsniveau höher als bei der Nationalmannschaft", zitiert die "Sport Bild" einen aktuellen Nationalspieler. Statt Training stehen beim DFB häufig Marketingmaßnahmen im Mittelpunkt, wenn die Nationalelf zusammenkommt. Der Hashtag "zsmmn" oder der Slogan "Best never rest" waren PR-Flops, die bei der WM niemand mit Leben füllte. Löw und Co. sollten sich zukünftig vielleicht wieder mehr auf das Wesentliche ihrer Arbeit besinnen: den Fußball.

Coaching

Mit seinen Aufstellungen lag Löw in allen drei Vorrundenspielen daneben, unter anderem damit, den formstarken Marco Reus "für die wichtigen Spiele" schonen zu wollen. Experte Marcel Reif urteilte im AZ-Interview: "Von Coaching habe ich nichts gesehen. Löw hat sich verzockt." So wie schon im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien (1:2), als er das eigene Team mit seiner Startelf aus dem Konzept brachte. Dieses Mal verunsicherte er damit, dass er 20 der 23 Spieler einsetzte. Hier muss Löw, wie bei der WM 2014, wieder eine klare Linie finden.

Taktik

Mats Hummels kritisierte nach dem 0:1 gegen Mexiko, sich in der Abwehr alleinegelassen zu fühlen. Die Balance stimmte ganz offensichtlich nicht. Löw sollte bis zur EM turniertaugliche Alternativen, etwa die Dreierkette, einüben. Und weg vom Ballbesitz- hin zum Tempofußball kommen. "Er ist sehr selbstkritisch mit sich", sagte Lothar Matthäus: "Er wird Spieler tauschen, seinen Stil ändern."

Leistungsprinzip

Dass Löw das für Manuel Neuer außer Kraft setzte und ihn ohne jegliche Spielpraxis zur Nummer eins machte, sei "für einige Spieler" ein Problem gewesen, zitiert die "FAZ" einen Insider des Nationalteams. Auch für Thomas Müller, der bei der WM völlig neben sich stand, reizte Löw die Grenzen des Leistungsprinzips weit aus. Um diesem wieder mehr Geltung zu verschaffen, muss Löw zukünftig harte Entscheidungen treffen, auch wenn diese mal verdiente Weltmeister wie zum Beispiel Sami Khedira treffen sollten.

Grüppchen-Bildung

Auch die machte vor dem Schweden-Spiel eine große teaminterne Aussprache notwendig. Es gibt ein "Bling-Bling-Grüppchen" um Sami Khedira, Mesut Özil, Jérôme Boateng, Julian Draxler und dem ausgebooteten Leroy Sané – sowie einen Bayern-Block. Özils Weigerung, sich öffentlich zur Erdogan-Affäre zu äußern, kam auch im Team nicht gut an. Vor allem aber muss Löw seine Weltmeister und die jüngeren Confed-Cup-Sieger zu einem Team einen.

Außendarstellung

Bei seiner WM-Kadernominierung ließ Löw keine Fragen zu. Nach dem 0:1 gegen Mexiko spazierte er lieber an der Strandpromenade von Sotschi herum und lehnte selbstgefällig vor Kameras an einer Laterne, anstatt sich zu erklären. In der Erdogan-Affäre gaben er und der gesamte DFB keine gute Figur ab. Um Özil und Ilkay Gündogan eine Zukunft im DFB-Team zu ermöglichen, muss diese richtig aufgearbeitet werden.

Verhältnis zu Bierhoff

Bei der WM wurden Meinungsverschiedenheiten deutlich, die sich zum Beispiel an der Quartierwahl entzündeten. Löw attestierte der WM-Unterkunft "den Charme einer schönen Sportschule". Sein Laternen-Lehner-Foto am Strand von Sotschi war auch ein Statement gegen die Quartierwahl im tristen Watutinki.

 
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