Joaquín Sorolla in der Kunsthalle Eine Feier des mediterranen Lichts

Joaquín Sorollas Feier des Lichts: „Das Nähen des Segels“ (1896) Foto: Venise, Galleria Internazionale d´Arte Moderna di Ca’ Pesaro

Es gibt Ausstellungen wie jetzt in der Kunsthalle, die verlässt man beflügelt, beeindruckt und betroffen zugleich.

 

Betroffen von zwei, drei Bildern, die unser Mitgefühl anstoßen, aber noch viel mehr von der Tatsache, dass mit Joaquín Sorolla (1863 – 1923) ein ganz außerordentlicher Maler einfach so aus dem Gedächtnis der europäischen Kunstgeschichte gerutscht ist.

Aus Spanien drang eh nur Vereinzeltes in den Norden. Größen wie Velázquez und Goya natürlich, ein bisschen Zurbarán und fürs Esszimmer Reproduktionen von Murillos fragwürdig possierlichen Straßenbuben. Picasso hat sich sowieso klug unter die Franzosen gemischt, die ihn bereitwillig auf ihren Avantgarde-Sockel schraubten.

Im Rausch dieser Sensation, die sich immerhin während der letzten 20 Lebensjahre Sorollas ihren Weg in die Öffentlichkeit gebahnt hat, kam niemand mehr auf die Idee, sich just mit dem Land zu befassen, dem Picasso den Rücken gekehrt hatte.

Schlafende Mädchen und eine alte Kupplerin

Aber so ist das mit neuen Superstrahlern. Der Rest gerät in den Schatten. Wobei wir schon beim eigentlichen Thema sind. Denn wenn dieser Sorolla für etwas steht, dann ist es das Licht. Südliches Licht, das noch die bittersten Szenen aus ihrer bloßen Tristesse hebt und im Spiel mit den gerne auch mal gewagten Farben etwas ungemein Reizvolles entstehen lässt. Da sind zum Beispiel die schlafenden Mädchen, die in einem Zugabteil um eine alte Kupplerin liegen, nicht ahnend, dass sie in der Stadt zur Prostitution getrieben werden („Mädchenhandel“, 1894). Doch die Stoffe ihrer bauschigen Röcke, die züchtigen bunten Kopftücher leuchten betörend.

Schräg gegenüber erleben zwei Dutzend Kinder ein wahrscheinlich seltenes Vergnügen. In Begleitung eines Priesters in schwarzer Kutte – Spaniens Bildergalerien sind voll davon – dürfen sie im Meer baden, an Krücken, die Blinden unter ihnen klammern ängstlich aneinander. Die Eltern hatten Syphilis, vermuten damals die Ärzte. Und Sorolla, der 1899 zufällig am Strand seiner Heimatstadt Valencia auf die Gruppe trifft, ist tief erschüttert und muss diese Begegnung sofort festhalten: die schmalen Körper, die sich erst zögerlich, dann bald lustvoll in die Wellen werfen, ein Wogen herrlichster Blau- und Grüntöne, die Claude Monet hätte nicht anziehender auf die Leinwand bringen können.
Ein Jahr später erhält Sorolla für dieses großformatige „Traurige Vermächtnis“ auf der Weltausstellung in Paris den Grand Prix. Mitte dreißig ist er da und ein gefeierter Mann. Die Auftraggeber reißen sich nicht nur in Spanien um den Maler, der sämtliche Genres virtuos bedienen kann, vom Historiendrama über diverse Stillleben-Varianten, ungekünstelte Akte und Porträts bis hin zu den Landschaften, die er konsequent draußen malt. Besonders das Meer, vor dessen Anblick man unvermittelt im Wasser zu stehen glaubt.

Dabei hatte dieser Künstler denkbar schlechte Voraussetzungen. Im Alter von nur zwei Jahren verliert er die Eltern, in Valencia wütet die Cholera. Eine liebevolle Tante adoptiert ihn, das ist sein Glück, eigentlich soll er wie der Onkel Schlosser werden. Doch schon den Lehrern fällt sein Zeichentalent auf und er darf mit 15 an die Kunstakademie.

Es erstaunt, wie zielstrebig der bildhungrige Student seinen Weg geht und sich früh an den großen Vorgängern orientiert. Diego Velázquez ist das hauptsächlich, wer soll an diesem Titanen in Spanien schon vorbei kommen? Und er bleibt vor allen anderen Eindrücken, die er etwa in Paris erfährt, ein Leben lang Vorbild – gleichwohl transportiert in eine eigene, zeitgemäße Sprache. Ein spätes Knabenbildnis mit Hund (1906) erinnert an die Prinzen, die Velázquez am Madrider Hof verewigt hat, fast meint man, eine Habsburger Unterlippe zu bemerken.

Überhaupt sind es neben dieser fulminanten Feier des mediterranen Lichts die Porträts, an denen man kleben bleibt. Am Neurologen „Dr. Simarro“ (1897) etwa, der in seinem Labor zwischen Apothekerflaschen und Gerätschaften eine fitzelige Untersuchung durchführt und dem sechs dicht um ihn gedrängte Kollegen gebannt über die Schulter sehen. Die Spannung überträgt sich unmittelbar auf den Betrachter. Solche Szenen übertreffen jede Momentaufnahme der Lichtbildnerei, mit der Sorolla durch seinen Schwiegervater, einen Fotografen, vertraut war und die er nutzt.

Dann die Familie. Einmal komponiert er seine Frau Clothilde und die drei Kinder in eine kluge wie anregende Interpretation von Velázquez‘ „Las Meninas“ – mit der jüngsten Tochter im weißen Kleidchen, die wie die spanische Infantin Margarita im Zentrum thront und vom Bruder gezeichnet wird, während im Hintergrund der Vater mit seiner Palette aus einem Spiegel schaut.

Gleißendes Licht in seinen Bildern

Und immer wieder die schöne Clothilde. Mal im grauen Alltagskleid, mal in schwarzer Robe mit unschuldig blasser Rose an der Wespentaille. Oder im Kindbett, einem Ozean von Weißtönen, aus dem zwei erschöpfte Köpfe lugen, die Mama und die winzige Tochter Elena. Dem gegenüber funkelt ein weiblicher Rückenakt – eine eigenwillige wie brillante Hommage an Velázquez‘ Rokeby-Venus. Die Dame delektiert sich allerdings an ihrem Ring statt am eigenen Antlitz und liegt auf einem Seidenlaken, das zwischen Lachs- und Altrosa changiert und gefährlich nah am Kitsch entlang gleitet.

Sorolla reizt die Palette aus, das tut manchmal weh in den Augen, aber so ist es ja auch mit dem gleißenden Licht in seinen Bildern, das für den Eindruck des Spontanen sorgt und irgendwo weit im Norden bei Anders Zorn (den er kannte) abgekühlt wieder auftaucht. Doch bei aller Vereinnahmung durch den angesagten Impressionismus ist Sorolla auch ein Künstler des 19. Jahrhunderts, für den weder ein sozialkritischer Realismus, noch der minutiöse Naturalismus passé sind. Das gibt seinen Sujets Gewicht und seiner Licht-Lufthaftigkeit Halt. Und gerade in diesem Zusammenspiel findet Sorolla zum Außergewöhnlichen.

Gleich im ersten Raum hängt ein dunkelgrundiges Selbstporträt. Mit tiefernsten Augen schaut Sorolla dem Betrachter da entgegen. Kehrt man nach dem Rundgang noch einmal zurück, meint man, in diesem Blick auch einen leisen Vorwurf auszumachen. Wie konnten wir diesen Maler nur so lange übersehen?   


„Joaquín Sorolla. Spaniens Meister des Lichts“, bis 3. Juli, Katalog (Hirmer) 29 Euro

 

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