Japan Tokio: Alles unter Kontrolle

35 000 Läufer waren am Start. Die Damen (links) haben höchstens zugeschaut. Foto: Pan-Asia

Tokio - Verrückt. Schräg. Übermütig. Die Teenies in der Takeshita Street wollen auffallen, provozieren. Unter allen Umständen. Ihre hellbraun gefärbten Zöpfchen stehen seitwärts vom Kopf ab, ihre Röcke sind sehr kurz, ihre Strumpfhosen schrill bedruckt. Pappige Schminke auf pubertären Pickeln.

Im Kreativ-Bezirk Harajuku drücken sich geschmacksverwirrte Oberschülerinnen und aufgeputzte Lolita-Püppchen an den Modelädchen und Boutiquen vorbei, wo Altersgenossinnen Rabattschilder hochhalten, kichern oder einfach cool tun. Harajaku ist das Epizentrum der japanischen Jugendkultur. Ein modisches Beben, das alles mit sich fortreißt. Vor allem Konventionen. Ein paar Ecken weiter liegt und hängt im Untergeschoss des La Foret Hochpreisiges der gleichen unangepassten Kragenweite, pink, gebauscht, mit raffinierten Strumpflöchern und aufgemotzten Stulpen. Die Klamotten sind teuer, aber voll im Trend.

Die Älteren shoppen im Stadtteil Ginza beim Nobelkaufhaus Mitsukoshi, das als erstes in Japan einen Aufzug hatte und wo die Juwelierabteilung fest in der Hand von Tiffany, Van Cleef & Arpels oder Bulgari ist - und wo sich morgens bei der Geschäftsöffnung Mitarbeiter am Haupteingang postieren, um fröhlich-laut „Irasshaimase!“ (willkommen!) zu rufen und sich vor den ersten Kunden des
Tages zu verbeugen. Oder sie kaufen im Isetan sechs riesengroße Erdbeeren in der Geschenkpackung - für umgerechnet 110 Euro.

Zehn Kilometer rennen und das ohne Training

Satoshi Saito hat andere Sorgen. Der 17-Jährige aus Kamaishi zählt zu den 100 Jungen und Mädchen im Tohoku-Erd­bebengebiet, die aus den Präfekturen Fukushima, Iwate und Iwaki am Tokioter Marathonlauf teilnehmen. Auch Yukiko Matsiu rennt, zehn Kilometer nur, aber viel trainieren konnte die 16-Jährige ohnehin nicht. Das Stadion wird für die Helfer gebraucht. „Unser Haus ist von der großen Welle weggespült worden“, erzählt Saito. Er ist wortkarg. Seine Schule ist zerstört, für den Weg dorthin braucht er statt 50 Minuten doppelt so lang.

Nein, seiner Familie sei nichts passiert, sagt der 17-jährige Keita Fusagi, aber ihr Haus liegt in der 30-Kilometer-Zone vom Atomkraftwerk in Fukushima, und nun lebe man in einer Behelfswohnung. Wie lange noch? Fusagi zuckt mit den Schultern. Den Tourismus-Managern gefallen Fragen nach der Atomkatastrophe nicht so recht. „Hier geht es doch um Sport, den Marathonlauf, um
Tokio,“ sagt Direktor Harunobu Saitou vom Tokioter Veranstaltungs- und Besucherbüro freundlich, aber bestimmt - und zieht einen Zettel aus der Tasche. Darauf steht: Die Tokioter Flughäfen Narita und Haneda seien normal in Betrieb, Züge, U-Bahnen und die Busse auch; die Elektrizitätsversorgung sei 24 Stunden am Tag gesichert, das Leitungswasser trinkbar. Und überhaupt: Die radio­aktive Strahlung in Tokio sei niedriger als in New York, Peking, Paris oder Berlin.

Zurück zum Marathon. Fusagi hat das Lachen nicht verlernt. Um seinen Hals hängt eine Goldmedaille. „Zehn Kilometer in 33 Minuten und 43 Sekunden“, sagt er stolz. Rund 35 000 Läufer sind in diesem Jahr wieder am Start vor dem monumentalen, 243 Meter hohen Rathaus. Der Ausflug auf die 45. Etage ist kostenlos, der Blick unbezahlbar. Zehnmal so viele hätten sich anmelden wollen, sagt Tad Hayano, der Renndirektor. Nein, die Reaktorkatastrophe spiele hier keine Rolle. „Gut 3000 Läufer kommen aus dem Ausland, wie vor dem Erdbeben“, sagt Hayano. Uwe aus der Gegend um Dresden ist einer der 70 Deutschen, die im Ziel an der Kongresshalle Big Sight mit ihren vier kopfstehenden Pyramiden ankommen. „Hör mir auf mit der Strahlung“, sagt er knapp. Tokio sei in Ordnung. Auch Josy aus Los Angeles versteht die Frage nicht. „Wir sind hier alle gut drauf.“ Alle Teilnehmer haben mit ihrem Antrittsgeld rund 28 Euro für die Erdbebenopfer gespendet.

Die Bäcker vom Sensoji-Tempel haben schon bessere Zeiten erlebt

Gut drauf: Das hören sie gern in Tokio. Im April 2011 war die Zahl der deutschen Besucher in Tokio um 93 Prozent gesunken. Im August waren es immer noch minus 52,3 Prozent. Die Lage normalisiert sich nur äußerst langsam. Die Bäcker, die vor dem grandiosen Sensoji-Tempel in Asakusa ihre Ningyo Yaki, kleine handgemachte Gebäckpuppen, anbieten, haben bessere Zeiten erlebt. Im Jahr 628 sollen hier Fischer eine Statue der Barmherzigkeitsgöttin Kannon aus dem Miyato-Fluss gezogen haben. Aber auch Kannon kann nicht helfen: Der Besucherrückgang ist so dramatisch, dass die Regierung kurzzeitig mit dem Gedanken spielte, 10 000 Gratisflüge nach Japan zu verlosen.

„Wir haben die Lage im Griff“, behauptet Feuerwehr-Captain Narumi Suzuki im Tokioter Ausbildungscamp. Der 53-Jährige war unmittelbar nach der Katastrophe mit 39 anderen seiner 139 Mann starken Truppe im Reaktor 3, „immer eine halbe Stunde“, sagt Suzuki. „Wir haben den Reaktor mit Seewasser runtergekühlt.“ Na ja, Angst habe er schon gehabt. Seine Frau musste ihn zum letzten Zug fahren, auf dem Heimweg sei sie zusammengesackt. Danach war er nicht mehr in Fuku­shima. Und heute? „Wir haben alles unter Kontrolle.“ Der Designer Toshikazu Hashimoto legt nach: „Eure Probleme mit dem Euro sind doch viel größer.“

Mami Sorimachi weiß nicht, wem und was sie glauben soll. Die alleinerziehende Fremdenführerin lässt sich seit Monaten Lebensmittel nach Hause bringen. Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch bestellt sie beim Händler online per Katalog. Der trägt ihr die Bestellung vor die Tür. „Die sind auf Strahlung gecheckt und garantiert in Ordnung“, sagt die Mittdreißigerin. Im Supermarkt kauft sie nicht mehr. Und sie spart Strom.

Im Meiji-Schrein, nur einen Steinwurf von der Takeshita Street entfernt, trippeln und schreiten die Brautpaare in streng traditioneller Kleidung neben Shinto-Priestern zur Hochzeitszeremonie. Hier ist Fukushima fern, und doch so nah, wenn an diesem Sonntag Japan um 14.46 Uhr mit einer Schweigeminute der 15 853 Erdbebenopfer gedenkt.

 

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