Jahrhundert-Fallrückzieher Klaus Fischer: "Nicht mein schönstes Tor"

Der 16. November 1977: Nationalstürmer Klaus Fischer trifft per Fallrückzieher zum 4:1 gegen die Schweiz – das Tor des Jahrhunderts. Foto: imago/Sven Simon

Ein Tor für die Ewigkeit: Klaus Fischer traf vor 40 Jahren gegen die Schweiz per Fallrückzieher. In der AZ spricht er über diesen Treffer, über sein für ihn schönstes Tor und über die deutschen Stürmer.

Klaus Fischer (67) erzielte zwischen 1977 und 1982 in 45 Spielen 32 Tore für die deutsche Nationalmannschaft. Das ist nach Gerd Müller die beste Quote (0,71) eines Top-10-Stürmers mit mindestens 45 Länderspielen.

AZ: Herr Fischer, Sie wurden am Mittwoch in Dortmund im Deutschen Fußballmuseum für den schönsten aller Ihrer Fallrückzieher geehrt. Für das irre Tor zum 4:1-Endstand im Länderspiel gegen die Schweiz am 16. November 1977, heute vor 40 Jahren.
Klaus Fischer: Moment, das war meiner Meinung nach nicht mein schönster. Sondern? Noch besser war mein Fallrückzieher in einem Spiel 1978 gegen die damalige UdSSR. Von der Art war der Fallrückzieher ähnlich, ging aber anders als der gegen die Schweiz unter die Latte. Der hat aber leider nicht gezählt, weil der Schiedsrichter die Aktion wegen gefährlichen Spiels abgepfiffen hat – unberechtigt. Ich hatte keinen Gegenspieler berührt. Außerdem war das nur ein Testspiel, da hätte man das Tor schon geben können. (lacht)

Ihr Treffer gegen die Schweiz 1977 wurde in der ARD zum Tor des Monats, Tor des Jahres, Tor des Jahrzehnts und schließlich zum Tor des Jahrhunderts gewählt.
Der war perfekt gelungen. Die Flanke von Rüdiger Abramczik, mit dem ich sieben Jahre gemeinsam bei Schalke gespielt habe, war optimal. Wir haben super harmoniert. Aber es gehört immer auch Glück dazu bei einem Fallrückzieher-Tor.

"Haben keine Weltklasse-Mittelstürmer mehr"

Wer hat heute noch solch einen Fallrückzieher drauf?
Solche wie gegen die UdSSR oder die Schweiz? Niemand! Aber wissen Sie, ein Fallrückzieher ist nicht so einfach. Du musst den Mut haben, kannst dich ja dabei verletzen. Es muss alles stimmen: Im Strafraum darf nicht zu viel Verkehr sein, die Flanke muss sitzen und es muss schnell gehen, sonst hat sich der Gegner formiert. Es gibt verschiedene Arten von Fallrückziehern. Mein Tor 1982 gegen Frankreich (zum 3:3 im WM-Halbfinale, d. Red.) war anders. Relativ einfach, aber das wichtigste Tor, weil wir das Elfmeterschießen erreicht haben. Heutzutage sieht man kaum noch richtige Fallrückzieher, aber wir haben ja in Deutschland auch keine Weltklasse-Mittelstürmer mehr.

"So einen Fallrückzieher kann nicht jeder", sagt Klaus Fischer. Foto: dpa

Wie bitte?
Nur Mario Gomez und Sandro Wagner sind für mich echte Mittelstürmer. Oder früher Miroslav Klose.

Was ist mit Leipzigs Timo Werner?
Werner ist ein anderer Typ, er lebt von seiner Schnelligkeit. Bundestrainer Joachim Löw hatte bei den Testländerspielen in London und gegen Frankreich Wagner nominiert, Gomez nach Verletzungspause nicht.

Wen würden Sie zur WM 2018 mitnehmen?
Wagner. Er ist der bessere Mitspieler, kann den Ball behaupten, ist auch in der Luft gut. Außerdem setzt er seinen Körper ein, hat eine gute Ausstrahlung, lässt sich nichts gefallen und hat in seinen wenigen Länderspielen schon einige Tore erzielt. Vielleicht brauchst du ihn bei der WM nicht gegen jeden Gegner, dennoch würde ich ihn auf jeden Fall mitnehmen.

"Lewandowski ist ein kompletter Stürmer"

Was halten Sie vom System mit einer "falschen Neun", mit einem zurückgezogenen, spielstarken Mittelfeldspieler ganz vorne? Wie Lionel Messi oder Mario Götze?
Nichts! Natürlich ist Götze ein guter Spieler, sehr ballsicher. Aber ohne Mittelstürmer haben wir das EM-Halbfinale 2016 gegen Frankreich verloren. Wir waren besser, haben aber kein Tor gemacht. Gomez fehlte verletzt. Ja, und Thomas Müller ist nicht der Typ dafür, das ist nicht seine Rolle alleine vorne drin. Er muss wie bei der WM 2014 um einen Mittelstürmer, damals Klose, herumspielen.

Wie bei Bayern. Der beste Mittelstürmer der Liga ist Robert Lewandowski. Einspruch?
Nein. Lewandowski ist ein kompletter Stürmer. Den sollte Bayern so lange wie möglich halten. Und er sollte bei Bayern bleiben. Wenn er sich wohlfühlt, wenn das Spiel auf ihn zugeschnitten ist, weil die Mitspieler wissen, wie sie ihn bedienen müssen – warum nicht?

In der Winterpause wollen die Bayern Ersatz für Lewandowski verpflichten – was von Jupp Heynckes forciert wird.
Das ist fast unmöglich. Ein Nationalspieler wird nicht kommen und sich dauerhaft auf die Bank setzen. Zu Gerd Müllers Zeiten wäre ich nicht zu Bayern gegangen. Vielleicht finden sie einen jungen Stürmer, den sie ausbilden können, der hinter Lewandowski heranreift. Generell sollten in den Jugendteams wieder gezielt Mittelstürmer ausgebildet werden, ich halte nichts davon, dass jeder Spieler alle Positionen erlernen soll. Torhüter und Mittelstürmer sind die wichtigsten – da brauchst du zwei Raketen.

Hermann Gerland, unter Heynckes wieder Assistent, lässt die Spieler an der Säbener Straße regelmäßig am Kopfballpendel antreten. Eine Old-School-Methode?
Überhaupt nicht! Da holt man sich die Sprungkraft, das Timing und die Technik. Und man lernt vor allem, wo man den Ball hinköpfen will.

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