Italiener in München Monaco, du bist meine Stadt

Ein echter italienischer Münchner: Orazio Vallone. Foto: Daniel von Loeper

Vor 60 Jahren schließen Deutschland und Italien ein Anwerbeabkommen. Auch Orazio Vallone hat sein Glück in München gesucht – und gefunden.

 

München - "Mein Leben ist am meisten von Deutschen geprägt“, sagt Orazio Vallone. Man könnte auch sagen: Es waren die Frauen, die Vallones Leben geprägt haben. Zumindest hätte es den Sizilianer ohne sie nicht nach München verschlagen.

Vallone, helle Augen und buschige Brauen, ist 1964 nach München gekommen. Inzwischen ist er 70 Jahre alt, sein verschmitztes Lächeln hat er sich bewahrt. Vielleicht hat er damit das Mädchen auf der kleinen sizilianischen Insel bezirzt, damals mit 19 Jahren. Die beiden wollten durchbrennen, aber der Plan scheiterte. Der Krach in den Familien war groß. Vallones Vater sagte zu ihm: „Komm nach München zum Arbeiten.“

Vallone senior war schon seit 1960 hier, arbeitete bei Mannesmann und holte den Sohn in die Firma. Der 19-Jährige setzte sich in den Zug über den Brenner: „Ich bin Freitag angekommen, und Montag hab ich angefangen zu arbeiten.“ Die erste Zeit in München war jedoch „fürchterlich“. Im Arbeiterwohnheim teilte er sich das Zimmer mit elf anderen Männern. Es war beengt, es wurde geraucht und Karten gespielt. Als ein winziges Zimmer frei wurde, nutzte Vallone die Möglichkeit. Mit zwei Gleichaltrigen teilte er sich das Zimmer: „Für uns war das Freiheit.“

Nach der Arbeit zogen die drei durch die Stadt. Jeden Tag ging Vallone zum Hauptbahnhof: „Es war der einzige Ort, an dem italienische Zeitungen verkauft wurden.“ Außerdem traf man da immer jemanden für einen Ratsch.

Vallone sprach kein Deutsch, dafür einer seiner Spezl. Bald waren sie eine Gruppe aus vier Italienern und vier deutschen Mädels, darunter Ingrid. Eigentlich war sie nicht sein Typ, mittelblond und ein Stückchen größer als er. Aber dann kamen sie sich doch näher, liefen mit einem deutsch-italienischen Wörterbuch durch die Stadt.

Trotzdem, Vallone zog es wieder nach Italien. 1966 ging er zurück, verlobte sich. Nur war Ingrid inzwischen schwanger geworden. Also keine Verlobung, aber erstmal auch keine Rückkehr nach Deutschland. Es waren die 60er, Vallone hatte lange Haare, er sei rebellisch und politisch gewesen, erzählt er: „Ich wollte die Welt verändern“ – aber eine Familie in München gründen eher nicht.

1970 juckte es ihn dann aber doch. Nur mit Ingrids Adresse, einem kleinen Koffer und einem Strauß Blumen fuhr er mit dem Nachtzug nach München. Aus der Reise, die als kurzer Besuch angedacht war, wurde eine langjährige Ehe.

Vallone kam nach Deutschland zurück, bekam noch eine Tochter. Arbeitete bei einer Markisenfirma, später bei der Post. Seine politische Ader hat er behalten. Zusammen mit Bekannten gründete er „Rinascita“ (Wiedergeburt), einen Kulturverein.

Er war Betriebsrat und in Italiens kommunistischer Partei aktiv. Wo der DGB war, waren auch er und seine Genossen. „Wir hatten roten Fahnen dabei und haben gesungen“, erinnert sich Vallone, „manche Deutsche haben versucht, mitzusingen.“ Die DGB-Führung habe sie immer ein bisschen skeptisch beäugt, sagt Vallone. Weil sie Kommunisten waren – obwohl die italienischen Genossen mit Russland und der DDR nichts anfangen konnten.

Die kommunistische Partei gibt es nicht mehr, die roten Fahnen sind eingerollt. Engagiert ist Vallone weiterhin, nur sitzt er inzwischen auch gerne mal in seinem Schrebergarten.

München, das ist seine Stadt geworden. Er merkt das jedes Mal, wenn er nach Sizilien fährt: „Nach einer Woche bekomme ich Heimweh nach München, kein Schmarrn!“

 

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