Italien im Finale "Mamma, das war für Dich"

Der unglaubliche Mario: Nach seinem zweiten Tor lässt Balotelli seine Muskeln spielen. Foto: dpa

Italien feiert Balotelli, und Mad Mario zeigt Gefühle. Dann aber tönt er: „Zum Finale kommt auch mein Vater. Dann schieße ich vier Tore!”

 

Krakau - Sollte noch irgendjemand Zweifel gehabt haben an der italianità des Mario Balotelli, am Donnerstag, in dieser magischen Nacht von Warschau, dürfte der Stürmer sie endgültig zerstreut haben. Italien hatte Deutschland mit 2:1 aus dem Turnier geworfen, dank zweier Tore des 21-Jährigen binnen 16 Minuten. Balotelli ballte an der Seitenlinie erleichtert die Fäuste, stieß ein kurzes Gebet gen Himmel und schritt schließlich zur Tribüne. Dort angekommen, verschwand plötzlich jegliche Spannung aus seinem Körper, Balotelli, der beim Jubel zum 2:0 noch den oberkörperfreien Kraftprotz in der Pose des unglaublichen Hulk gegeben hatte, versank in den Armen seiner Mamma Silvia, die ihm zärtlich den blondierten Hahnenkamm streichelte. „Das war einer der schönsten und emotionalsten Momente meines Lebens. Ich habe kurz die Augen geschlossen, ihr gesagt, ’Mamma, das war für dich!’”

Balotellis Tore werden Italien möglicherweise den EM-Titel bringen, doch es wird dieses Bild sein, das Italien endgültig versöhnen lassen dürfte mit ihm. Der weiche Mario in den Armen der vor Stolz weinenden (Adoptiv-)mutter Silvia dürfte auch den letzten nationalistischen Holzkopf kapieren lassen, dass das größte Juwel des Calcio ein Lombarde ist, der zufälligerweise dunkelhäutig ist.

Dass Balotelli, auf dessen Schuhen - selbstverständlich - die Namen von Mamma Silvia und Vater Franco eingestickt sind, später in den Katakomben wieder den Mad Mario raushängen ließ, dass er den Großkotz gab („Im Finale kommt auch mein Vater Franco. Dann schieße ich vier Tore”), dass er die Kritiker seines Protz-Jubels verhöhnte („Wer darüber wütend ist, ist nur neidisch auf meinen Körper”), darüber wird Trainer Cesare Prandelli mit einem gütigen Lächeln hinwegsehen. So, wie er es immer getan hat. „Mario ist ein einzigartiger Spieler. Seine Karriere beginnt erst jetzt”, sagte der toskanische Signore am Donnerstag.

Die unnachahmliche Eleganz und die genialen Pässe Andrea Pirlos, die physische Präsenz Balotellis, die Powackler Antonio Cassanos und die Abgezocktheit Gigi Buffons mögen Italien ins Finale gebracht haben. Den unerwarteten Erfolg der Azzurri bei der EM darf sich aber vor allem Prandelli zuschreiben. Der commissario tecnico hat es geschafft, aus einem Haufen von Wahnsinnigen (Balotelli, Cassano), gealterten Genies (Pirlo, Buffon), kapriziösen Mittelfeldkämpen (de Rossi, Diamanti, Giovinco), recht hüftsteifen, aber immer an der richtigen Stelle stehenden Verteidigern (Chiellini, Bonucci, Barzagli) und gehobenen Durchschnittsspielern (Marchisio, Balzaretti, Abate) die schillerndste und eingeschworenste Mannschaft des Turniers zu machen.

Und auf einmal kann man die Azzurri sogar außerhalb Italiens mögen. Weil die Mannschaft einfach, aber leidenschaftlich und offensiv spielt, weil Prandelli den Spielern die Fallsucht abtrainiert hat, weil Buffon mittlerweile eine Haarspange statt Haarband trägt und sogar einige Blonde in der Mannschaft stehen. Die Azzurri setzen dem statischen Ballbesitz-Fußball deutscher, spanischer und holländischer Prägung klassische Eleganz entgegen. Prandelli hat der Mannschaft eine Idee von Fußball vermittelt, die gleichzeitig klassisch wie modern ist. Auch die Italiener laufen - im Halbfinale sechs Kilometer mehr als die Deutschen - und passen viel. Aber sie leisten sich noch einen klassischen und nicht sehr schnellen Regisseur, zwei Stürmer, die nicht nach hinten arbeiten müssen, und - das vor allem - sie setzen bei aller taktischen Disziplin in der Offensive auf ihre Kreativität. Aus einem simplen Trick Cassanos entstand das 1.0, aus einem hohen, mittellangen und perfekt getimten Pass Montolivos Balotellis 120 Stundenkilometer-Kracher zum 2:0. Es war ein Tor, wie es Deutschland gar nicht hätte spielen dürfen. Joachim Löw predigt, ebenso wie Spaniens Vicente del Bosque, ein Kurzpasspiel, das möglichst nah an der Grasnarbe verlaufen soll.

Sollte Italien am Sonntag tatsächlich die EM gewinnen, wäre es auch der wohl letzte Triumph eines romantischen Fußballs über das durchgeplante und analytische Gekicke der Gegenwart. „Prandelli ist das Gegenteil von José Mourinho. Er predigt Respekt, Leidenschaft und Liebe”, sagte Italiens Fußballlegende Giuseppe Bergomi der AZ. „Wer sich nicht benimmt, bekommt einen Denkzettel verpasst." Das mussten in der Qualifikation etwa Balotelli und de Rossi spüren, die der Coach nach Undiszipliniertheiten im Klub mal nicht nominierte. Bergomi: "Aber Prandelli ist nicht nachtragend, er liebt seine Spieler”. Und er möchte, dass seine Spieler geliebt werden. "Ohne Liebe kann ich nicht leben", sagte Prandelli, als er  - nach dreijähriger Trauerphase um den Tod seiner Frau  - die Beziehung zu seiner neuen Lebensgefährtin öffentlich machte. Diese Liebe zum Spiel und zum Leben hat der Coach auch seinen Spielern eingepflanzt. Nie würde der praktizierende Katholik das Mourinho'sche Theorem des divide et impera befolgen, nie würde er eine Stimmung "wir gegen den Rest der Welt" in seiner Mannschaft erzeugen. Im Jahr eins nach Berlusconi ist Prandelli der erste Botschafter eines weniger zynischen Italiens, eines Italiens, das sich um seine Probleme kümmert - und sie gemeinsam meistert.  Nur ein Sieg fehlt Prandelli und den Seinen nun noch, um die Liebe endgültig triumphieren zu lassen. „Das Halbfinale war nur der Anfang eines Traumes. Spanien ist der Favorit. Aber wir sind bereit”, sagte Prandelli.

 

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