Interview zur Leichtathletik-EM Busemann: "Gänsehaut und Tränen in den Augen"

"Das war so ein Moment, den nimmst du mit ins Grab", sagt Frank Busemann, Silbermedaillengewinner im Zehnkampf bei Olympia 1996, über die Abschiedsvorstellung von Robert Harting (Mitte) in Berlin. "Großartig" fand er Gina Lückenkemper (links), als "Energiebündel" sieht er Mateusz Przybylko. Foto: dpa

Zehnkampf-Ikone Frank Busemann spricht in der AZ über die Emotionen bei Robert Hartings Abschied – und lobt die deutschen Athleten und die EM in Berlin. "Leistungen und Stimmung waren grandios."

Der jetzt 43-Jährige holte bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta sensationell Silber, bei der WM ein Jahr später gewann er Bronze. 2003 beendete er seine Karriere und ist nun für die ARD als Experte tätig. 

AZ: Herr Busemann, was ist denn mit den Deutschen bei dieser Leichtathletik-EM passiert? Jahrelang waren wir fast ausschließlich eine Nation der Werfer und Stoßer und plötzlich...
FRANK BUSEMANN: Plötzlich haben wir das Laufen wieder erlernt! Ein kleines Wunder. Nee, ich freue mich riesig, dass wir jetzt wieder in ganz vielen Disziplinen ein Wörtchen mitreden. Die Werfer, die könnten sich jetzt glatt ein bisschen zurücklehnen und durchatmen, denn jetzt können auch die anderen mal was reißen. Aber ihren Platz an der Sonne geben die Werfer und Stoßer nicht ab. Woran es lag, dass es zu dieser Leistungsexplosion gekommen ist, das ist immer schwer zu erklären. Ein Grund war sicher der Heimvorteil, der war in Berlin ein richtiges Pfund. Ich bin wirklich begeistert, wie die EM hier gelaufen ist. Die Leistungen und die Stimmung, das war regelrecht grandios. Das hat sich richtig hochgeschaukelt. Das Berliner Olympiastadion ist für solche Wettkämpfe auch perfekt geeignet. Wenn da 5.000 Männchen sitzen und klatschen, dann hörst du dein eigenes Wort nicht mehr. Und wenn 50.000 da sind, dann fliegt halt das Dach weg.

Was war für Sie der mitreißendste Moment?
Das war schon der Wettkampf unseres Diskus-Riesen Robert Harting. Die Stimmung, als er die Arena betreten hat, das war Wahnsinn. Die Leute sind alle aufgestanden und haben ihn gefeiert. Das war so ein Moment, den nimmst du mit ins Grab. Ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut und Tränen in den Augen. Allein jetzt, wo ich nur drüber rede, ist alles wieder da.


Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann. Foto: dpa

Busemann über einer seiner schönsten Leichtathletik-Tage

Die Gänsehaut und die Tränen?
Ja, beides. Er hat auch sportlich eine starke Vorstellung geboten, mehr gibt der Körper nicht mehr her. Klar hätten wir ihm zum Abschied eine Medaille gewünscht, aber wenn das passiert wäre, hätte man das Stadion neu aufbauen müssen, so wäre die Stimmung explodiert. Es war einzigartig zu sehen, wie Robert in Berlin die Sympathien entgegengeschlagen sind, wie die Leute seine Leistungen der letzten Jahre honorieren, aber eben auch ihn als Typen ins Herz geschlossen haben.

Haben Sie Harting danach gesprochen?
Nein, wir haben uns nur in der Mixed-Zone gesehen, uns kurz abgeklatscht.

Von einem Sportrentner zum Bald-Sportrentner.
(lacht) So muss man es wohl sehen. Aber Hartings Auftritt war nicht der einzige Moment bei dieser EM, der mich tief bewegt hat. Der Samstag war einer der schönsten Leichtathletik-Tage, den ich je erlebt habe.

Wow, das ist ein Statement.
Und sogar ein wahres. Wie der Hochspringer Mateusz Przybylko von der Energie der Fans gelebt und gezehrt hat, unglaublich. Nach jedem Sprung hat er dermaßen gejubelt, die Energie hat jeder im Stadion gespürt. Przybylko war unter 10.000 Volt, ein Freund von mir hat gesagt, mit dem kannst du gerade problemlos 50 E-Autos aufladen. Ich war mit meiner Familie und einer befreundeten Familie im Stadion. Die sind gar nicht leichtathletik-affin, ich hatte schon Angst, dass die sich langweilen würden, aber die waren so begeistert, die wollten gar nicht gehen. Die Leichtathletik hat immer noch die Kraft, die Menschen zu bezaubern und zu verzaubern. Das ist eine der Botschaften, die diese EM in Berlin gesendet hat.

Busemann: Lückenkemper fliegen die Herzen zu

Wie erleben denn Ihre Kinder so einen Wettkampf, können Sie dann besser verstehen, was der Papa mal geleistet hat?
Der Kleine mit seinen sechs Jahren kann das noch nicht richtig einordnen. Für ihn ist das zu viel. Zu laut, zu viele Eindrücke. Der ist froh, wenn er wieder draußen ist. Der Ältere findet das cool – und weiß auch, dass sein alter Herr da selber mal stand und um Medaillen gekämpft hat. Das war sicher interessant für ihn, das alles hautnah zu erleben, dass die Erzählungen vom Papa vielleicht gar ned so falsch waren. (lacht)

Mit Harting, der nach dem ISTAF seine Karriere beenden wird, verliert die deutsche Leichtathletik ihre Galionsfigur. Sprintstar Gina Lückenkemper hat schon erklärt, dass Sie sich zutraut, in die Rolle hineinzuwachsen.
Das geht nicht, da unterschätzt man die Rolle, die Harting hatte. Er ist einzigartig. Man kann nur seine Art finden und die mit voller Authentizität verfolgen. Gina ist eine tolle Athletin und sie hat das Zeug, Eindruck zu hinterlassen. Sie steckt auch voller Energie. Und das nicht nur, weil sie vor den Rennen an einer Batterie leckt. Sie hat eine natürliche, erfrischende Art.

Sie polarisiert aber auch.
Ja, aber das ist nichts im Vergleich zu Harting. Ihr fliegen eher die Herzen zu. Dass es immer irgendwen gibt, der was zu meckern hat, das liegt in der Natur der Sache. Gina kann eines der Aushängeschilder werden. Ich muss gestehen, ich hätte ihr nicht zugetraut, dass sie die 100 Meter jetzt in unter elf Sekunden läuft. Das war im Sprint in Deutschland lange ein kleines Problem. Dass man zwar immer wieder gute Leistungen gebracht hat, aber wenn es dann zählte, wenn es Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau ging, war da nicht immer viel zu sehen. Aber Gina hat die Härte im Wettkampf gezeigt, hat sich in das Rennen reingebissen, zurückgekämpft und Silber geholt. Das war großartig. Aber auch ein Christoph Harting – wenn bei ihm alles zusammenpasst – gehört zu den Aushängeschildern.

Irgendwie schienen sich die deutschen Athleten gegenseitig hochzuziehen. Überhaupt hat man das Gefühl, dass es in Deutschland so eine Eigendynamik gibt: Läuft es am Anfang, läuft es bei allen, läuft es nicht, versagen fast alle.
Ein bisschen hat man das Gefühl. Aber eigentlich sage ich: jeder für sich. Die kämpfen alle für den eigenen Erfolg. Wobei es einen schon gewaltig motiviert, wenn einer aus dem Stadion kommt und so einen Taler um den Hals hängen hat und ihn dir unter die Nase hält. Da denkst du natürlich gleich noch mal mehr: Das Teil will ich auch haben. Ich denke, dass wir in Deutschland einige sehr gute Athleten haben, die uns viel Freude machen können.

 

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