Interview nach WM-Titel Lizarazu: Frankreich hat mich an den FC Bayern erinnert

"Ihn scheint nichts zu stören, er wirkt stets extrem cool", sagt Lizarazu über Frankreichs Jungstar Kylian Mbappé. Foto: Rauchensteiner/Augenklick/Frank Augstein/dpa/AZ

Bixente Lizarazu, 1998 mit Frankreich Weltmeister, spricht in der AZ über den Erfolg der Équipe Tricolore und erklärt, warum sie ihn an Bayern erinnert: "Diese Mannschaft war hungriger denn je."

 

München - Bixente Lizarazu im AZ-Interview: Der 48-Jährige spielte von 1997 bis 2004 und von 2005 bis 2006 beim FC Bayern. Unter anderem gewann der Baske 2001 die Champions League und wurde 1998 mit Frankreich Welt- und 2000 Europameister.

AZ: Monsieur Lizarazu, sind Sie heute, nach dem zweiten Weltmeister-Titel der Équipe Tricolore, besonders stolz, ein Franzose zu sein?
BIXENTE LIZARAZU: Eigentlich bin ich immer stolz, Franzose zu sein, aber in diesen Tagen noch ein Stück mehr. Was am Sonntag im Luschniki-Stadion von Moskau los war und auch die ganzen Bilder aus Frankreich – unglaublich. Mittlerweile gibt es 45 Spieler, die sich in Frankreich Weltmeister nennen können. Das macht mich unheimlich glücklich. Eine WM zu gewinnen ist einfach magisch.

Wie haben Sie dieses Finale erlebt?
Als Kommentator. Es war sehr emotional. Das Spiel war sehr schwer, weil die Kroaten in der ersten Stunde richtig stark waren, aber die Mentalität war entscheidend und sie war bei den Franzosen stärker. Es war ein Finale mit vielen Höhepunkten. Ich hatte richtig Spaß und nach dem dritten Tor der Franzosen wusste ich, dass es nun geschafft ist.

Ist dieser Triumph verdient?
Frankreich war die konstanteste Mannschaft dieser WM. Sie mussten kein einziges Mal in die Verlängerung, sie hatten sowohl beim 4:3 gegen Argentinien im Achtelfinale als auch im Finale jeweils vier Treffer erzielt und sie hatten die beste Abwehr. Insofern ist dieser Titel völlig verdient.

Inwieweit hat das verlorene Finale vor zwei Jahren bei der Heim-Europameisterschaft gegen Portugal bei dem jetzigen Triumph eine Rolle gespielt?
Ohne dieses Finale hätte Frankreich vielleicht den Titel jetzt nicht geholt. Diese Mannschaft war hungriger denn je, sie wollte den Pott unbedingt gewinnen. Das erinnerte mich ein bisschen an die Zeit beim FC Bayern und das, was ich dort 1999 und 2001 erlebt habe, als wir ja erst das Champions-League-Finale so unglücklich gegen Manchester United verloren und uns aber gleich nach dieser bitteren Niederlage im Camp Nou von Barcelona geschworen hatten, dass wir den Henkelpott mit aller Macht gewinnen werden. So ist es nun der Équipe de France gelungen. Aus diesem Trauma von 2016 hat die Elf von Didier Deschamps sehr viel gelernt. Sie wirkte auch reifer und spielte selbstbewusster als bei der letzten Europameisterschaft.

Wer ist in Ihren Augen der Spieler des Turniers?
Eigentlich gibt es nicht den ganz großen Star, die Mannschaft hat als Kollektiv brilliert, vergleichbar mit der deutschen Nationalmannschaft vor vier Jahren in Brasilien. Aber wenn ich einen oder zwei Spieler nennen würde, dann Antoine Griezmann, der ein herausragendes Endspiel bestritten hat und der auch bei diesem Turnier bestätigt hat, dass er einer der besten Spieler der Welt ist. Er ist nicht nur in der Spitze stark, sondern er ackert unheimlich für die Mannschaft. Auch Abwehrchef Raphael Varane hat sein Potenzial komplett ausgeschöpft und N'Golo Kanté war im Mittelfeld der Dreh- und Angelpunkt des französischen Spiels.

Und was ist mit Kylian Mbappé?
Ihm gehört die Zukunft. Er ist erst 19 Jahre alt, aber er hat bereits zwei französische Meisterschaften mit zwei verschiedenen Klubs (Monaco 2017 und Paris Saint-Germain 2018, d. Red.) gewonnen und nun ist er auch noch Weltmeister. Was mir am meisten bei ihm imponiert, ist eindeutig seine Kaltschnäuzigkeit. Ihn scheint nichts zu stören, er wirkt stets extrem cool. Sogar bei diesem Finale hat er starke Nerven bewiesen und ein Weltklasse-Tor erzielt.

Wie groß ist der Anteil von Didier Deschamps?
Sehr groß. Als er im Sommer 2012 die Nationalmanschaft übernahm, war sie damals in einem schlechten Zustand. Mit DD hat sich die Équipe Tricolore stets verbessert. 1998 sind wir ja zusammen Weltmeister geworden und damals konnte man bereits ahnen, dass er eine großartige Trainer-Karriere machen würde. Didier ist taktisch sehr klug, ein Pragmatiker. Er blieb stets seinem Weg treu, die Kritik am Anfang der WM hat ihn auch völlig kalt gelassen und er hat seiner Elf viel Vertrauen gegeben. Dass er nun zu diesem elitären Kreis mit dem Brasilianer Mario Zagallo und Franz Beckenbauer gehört, die ja sowohl als Spieler als auch Trainer die WM gewonnen haben, macht ihn nun unsterblich in Frankreich.

Kann die französische Nationalmannschaft aus den Fehlern der Vergangenheit lernen oder droht auch ihr ein Absturz wie der DFB-Elf gerade in Russland?
Rein sportlich betrachtet braucht man sich keine Sorgen zu machen, denn das Spieler-Material ist vorhanden. Bis auf Blaise Matuidi, Olivier Giroud und Adil Rami sind alle Feldspieler noch keine 30. Ich finde, dass Deschamps eine super Truppe hat, die auch im Hinblick auf die EM sehr konkurrenzfähig sein wird. Nun müssen vor allem die jungen Spieler wie Mbappé, Benjamin Pavard, Lucas Hernandez mit neuen Erwartungen umgehen. Es ist immer wichtig, bodenständig zu bleiben und weiterhin hart an sich zu arbeiten. Aber ich bin guter Dinge, dass Frankreich in zwei Jahren bei der EM wieder eine große Rolle spielen wird. Erst einmal sollen sie aber diesen großartigen Erfolg ausgiebig feiern, in den vollsten Zügen genießen und anschließend gut regenerieren.

Ist Frankreich nun endgültig eine Grande Nation des Fußballs?
Drei WM-Endspiele in den letzten zwanzig Jahren sind einzigartig. Das spricht für die Macht Frankreichs. Nun geht es um die Nachhaltigkeit – und ich bin optimistisch, dass in den kommenden Jahren mit der Équipe de France weiterhin zu rechnen sein wird.

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