Interview mit Regisseur Thomas Stuber "Kruso": Der letzte Sommer der DDR

Peter Schneider (als Rimbaud, links), Jonathan Berlin (Ed), Regisseur Thomas Stuber und Albrecht Schuch (Kruso). Foto: ARD/MDR/Lukas Salna

Lutz Seilers Roman "Kruso" erzählt vom Ende einer Utopie von Freiheit. Regisseur Thomas Stuber hat ihn verfilmt.

Mit Filmen wie "Herbert" oder zuletzt "In den Gängen" hat sich Thomas Stuber als Regisseur erwiesen, der einen genauen und empathischen Blick auf Außenseiter wirft. In "Kruso" – nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler – erzählt Stuber die Geschichte einer Aussteigerkommune im letzten Sommer der DDR auf Hiddensee. In der Gastststätte "Zum Klaußner" hat sich eine besondere Schar von Mitarbeitern versammelt. Hier Treffen sich Aussteiger und gescheiterte Republikflüchtlinge, der Halbrusse Kruso ist ihr intellektueller Taktgeber. Als der junge Ed nach einem schweren Schicksalsschlag in diese utopische Arche gerät, weiß er noch nicht, dass der Sommer 1989 alles ändern wird.

AZ: Herr Stuber, wie erinnern Sie sich an diesen unglaublich speziellen Sommer 1989?
THOMAS STUBER:
Eigentlich gar nicht besonders, weil ich erst sieben Jahre alt war. Ich habe Kindheitserinnerungen an die Urlaube in Rügen, aber ich habe damals als Kind nicht an den Montagsdemos in meiner Heimatstadt Leipzig teilgenommen, zu denen meine Eltern gegangen sind. Die fanden, das sei zu gefährlich. Und natürlich erinnere ich mich daran, wie die Erwachsenen diskutiert und Fernsehen geschaut haben. Da hat man schon als Kind gespürt, dass etwas passiert.

Wie kamen sie an das Buch?
Ich habe "Kruso" schon 2014 gelesen, als es erschien und den Buchpreis erhielt, weil mich der Autor Lutz Seiler interessiert. Ich habe das Buch aber rein privat gelesen, nicht mit dem Auftrag, es durchzuforsten, um daraus einen Film zu machen. Seiler kommt ja eigentlich von der Lyrik, "Kruso" ist ein sehr leises, literarisches Buch, das springt einen jetzt nicht sofort als Film an.

Was macht den Roman für Sie als Filmvorlage dann doch so faszinierend?
Ich hätte jetzt nicht zugesagt, einen weiteren Wende-Film zu machen. In dem Metier ist schon sehr viel produziert worden – und ich habe auch das Gefühl, dass das Thema in einer gewissen Weise auserzählt ist. Was mich an "Kruso" gereizt hat, ist dass das Wende-Thema aus einer ganz anderen Richtung erzählt wird. Die Insel, das Abenteuer, die fantastische Atmosphäre – alles sehr weit entfernt von grauen, maroden Hauswänden in Ostberlin, die nur darauf warten, dass die Wende kommt – und dann bricht der goldene Westen an.

Man hört schon die politische Skepsis...
…die der Roman ja transportiert.

Kruso sagt, dass "Freiheit in der Unfreiheit gedeiht".
Das ist das Thema des Films. Wie sieht das Glück in der Diktatur aus? Man geht im Westen davon aus, dass alle Menschen unglücklich waren. Aber das stimmt natürlich nicht, auch wenn die DDR ein Unrechtsstaat war. Diese Position ist sehr schwierig zu vermitteln, es gibt Heiner Müller, Christa Wolf oder eben Lutz Seilers Perspektive – aber die wird leicht missverstanden. Ich finde sie aber wichtig, um den Menschen auch eine gewisse Würde zu geben und sie nicht nur als "zu befreiendes Volk" zu betrachten. Der Kruso scharrt eine Gemeinschaft um sich, spricht von Freiheit, nimmt eine fast anarchistische Position ein. Und in dem Augenblick, in dem die DDR zusammenbricht, ist die Utopie auch vorbei. Dieses Paradox ist wahnsinnig spannend.

Es ist sehr bitter zu sehen, wie die ersten von Bord der Arche "Zum Klausner" gehen.
Absolut. Der Kruso glaubt an eine Utopie des Sozialismus, eine ganz reine Form, völlig losgelöst von Politik und Staat – und diese gesellschaftliche Idee, die hält er auch für die richtige als Gegenentwurf zum Kapitalismus. Dieser Utopie kann ich mich auch nur schwer entziehen, muss ich gestehen. Das macht Seilers Buch wirklich zu einem Alleinstellungsmerkmal, das ist so noch nicht erzählt worden. Und deshalb fand ich das so spannend. Es geht nicht um eine platte, historische Abfolge des Untergangs, sondern um eine feinfühlige und zugleich total überhöhte Geschichte.

Wie sehr der Einbruch des Westens die Insel verändert hat, haben Sie ja beim Suchen der Drehorte bemerkt. Hiddensee ist zu sehr modernisiert worden?
Dass wir nicht auf Hiddensee gedreht haben, hat verschiedene Gründe, die hängen teils mit der Entwicklung Hiddensees zusammen, teils mit der Filmförderung. Prinzipiell ist es logistisch nicht einfach, auf einer kleinen Insel zu drehen. Der Roman ist ja auch kein Hiddensee-Postkartenkitsch, es geht um ein bestimmtes Gefühl, um eine Atmosphäre – und die haben wir dann in Litauen auf der kurischen Nehrung gefunden, wo wir gedreht haben. Die Kiefern stimmen, die Steilküste ebenso, und man findet dort einfach noch Häuser, die so einen maroden Charme haben.

Über dem ganzen Film liegt eine sexuell aufgeladene Stimmung, und es gibt immer wieder aufkeimende Gewalt.
Die enge Freundschaft zwischen Ed und Kruso ist der wichtigste Bestandteil des Films. Aber ich wollte auch einen freizügigen Film machen, diesen entspannte Umgang mit dem eigenen Körper zeigen, den es in der DDR ja so gab, ohne in ein seichtes Hippietum abzudriften. "Kruso" ist ein Abenteuerfilm, ein körperlicher Film, in dem auch Gefahr herrscht.

 

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