Interview mit Rasem Baban Tierpark-Chef: "Jeder kann Artenschutz betreiben"

, aktualisiert am 16.05.2017 - 09:44 Uhr
Die Wiedereröffnung des Elefantenhauses Ende Oktober vergangenen Jahres war einer der Meilensteine im Masterplan des Tierparks. Foto: Petra Schramek

Der Tierpark-Chef erklärt, wie man im Alltag Tierschützer wird und wie Hellabrunn in zwanzig Jahren aussieht.

München - Seit 1911 gibt es den Tierpark Hellabrunn. Freilich, der Zoo von heute hat mit dem aus den Anfangszeiten nicht mehr viel zu tun. Vielfältig sind die Herausforderungen, denen sich der Tierpark in Zukunft stellen muss – und nicht alles ist unumstritten. Am Dienstagabend spricht Tierpark-Chef Rasem Baban im Einstein 28 der Volkshochschule darüber, wie sich der Tierpark künftig entwickeln muss. Die AZ hat vorab mit ihm gesprochen.

AZ: Herr Baban, die Welt ist mit dem Internet kleiner geworden. Durch Videos kommen wir ganz nah an Tiere heran. Welche Berechtigung hat ein Zoo noch?
Rasem Baban: Ich möchte Ihnen zwei wichtige Punkte nennen. Erstens der Bildungsauftrag. Ein Zoo ist ein gelebtes Artenschutzzentrum. Wir zeigen, was es für Tiere gibt, was sie für Besonderheiten haben und warum sie bedroht sind. Das führt zu zweitens, dem Artenschutz. Ein Zoo ist ein geschützter Überlebensraum für Tiere, die in der freien Wildbahn bedroht sind. Wir haben sozusagen einen lebenden Genpool. Manche Tiere sind unwiederbringlich verloren, wenn wir sie nicht in Zoos im Rahmen eines Artenschutzprogrammes schützen.

Welche bedrohten Arten leben in Hellabrunn?
Der größte Teil sind Wildtiere, die vom Aussterben bedroht sind. Vor jeder Anlage gibt es ein Schild, auf dem die Besucher lesen können, wo auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten die jeweilige Tierart steht. Die Drills beispielsweise zählen mit zu den bedrohtesten Affenarten der Welt. Wir züchten diese Affen sehr erfolgreich und koordinieren das Europäische Erhaltungszuchtprogramm sowie das Internationale Zuchtbuch. Außerdem engagieren wir uns beim Verein "Rettet den Drill" für Auswilderungsprojekte in Nigeria und Kamerun, wo Drills aufgepäppelt und wieder ausgewildert werden.

Ihr Engagement für Naturschutzorganisationen ist wenig bekannt. Sollte das Hellabrunn nicht viel stärker aufzeigen?
Es ist Teil unseres Masterplans, der über zwei Jahrzehnte die Zukunft des Tierparks plant, dass wir den Besuchern auch aufzeigen, in welchen Organisationen sie sich engagieren können. Zoos können Artenschutz nicht allein bewältigen. Wir wollen zeigen, wie jeder im Alltag zum Artenschutz beitragen kann.

Wie denn?
Das Mühlendorf mit alten Nutztierrassen, das im Sommer 2019 eröffnen soll, ist ein schönes Beispiel. Das Murnau-Werdenfelser-Rind oder die Bayerische Landgans sind sehr alte, resistente Rassen, die derzeit glücklicherweise wiederkommen. Dagegen steht die industrielle Massentierhaltung, die großen Einfluss auf die Artenvielfalt hat. Wer Fleisch oder Obst und Gemüse aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft isst, der schützt damit auch Böden und Pflanzen, was wiederum gut für unsere heimischen Tiere ist. So kann jeder beim Frühstück, Mittagessen und Abendbrot Artenschutz betreiben. Es gibt viele weitere Beispiele: Wie greift eine Fernreise in die Natur ein? Woher kommen meine Holzmöbel, und was bedeutet das für Wälder auf fernen Kontinenten und so weiter.

"Das Gesicht des Tierparks wird sich nicht verändern"

In Hellabrunn können die Besucher einmal durch die ganze Welt laufen.
Ja, wir sind der erste Geozoo der Welt, das heißt, die Tiere sind nach ihrer geografischen Herkunft geordnet. Spätestens in den 90er-Jahren hat das fast jeder Zoo übernommen. Dieses Profil wollen wir im Masterplan weiter schärfen.

Welche Teile des Masterplans wurden schon umgesetzt?
Das im Oktober wieder eröffnete Elefantenhaus war ein Meilenstein. Im Sommer ist die Polarwelt fertig. 2019 das Mühlendorf, wo auch eine große, neue Zooschule gebaut wird. Derzeit haben wir nur ein Klassenzimmer. Künftig wird es vier Klassenzimmer in einem alten Bauernhaus mit Stall geben. Da sind wir sehr glücklich, unserem Bildungsauftrag auch mit Hilfe der Stadt so gut nachkommen zu können.

Wird der Tierpark in zwanzig Jahren komplett anders aussehen?
Wir haben eine historische Verpflichtung durch denkmalgeschützte Gebäude und einen alten Baumbestand. Das Gesicht des Tierparks wird sich nicht verändern, aber wir nutzen teilweise Gebäude um, so dass neue Tiere einziehen, und sanieren alte Gebäude aus den 70er und 80er Jahren. Das Prinzip des Geozoos soll deutlich geschärft werden.

Ein Lieblingstier verraten Sie ja nie in Interviews. Aber sagen Sie, welcher der interessanteste Lebensraum der Tiere für Sie ist?
Ich mag extreme Lebensräume wie den tropischen Regenwald. Im Amazonasgebiet leben auf engem Raum sehr viele Arten zusammen. Oder die Arktis und die Wüste, wo die Tiere bestens angepasst leben. Am spannendsten finde ich die Tiefsee. Wir wissen mehr über die Mondoberfläche als über die Tiefsee.

Gibt’s in Hellabrunn Tiefseefische?
Nein, denn da stoßen wir derzeit an unsere Grenzen. Die Tiere leben in absoluter Dunkelheit und unter enormem Wasserdruck. Das in einem Aquarium nachzubilden, ist sehr kompliziert. Aber in Hellabrunn leben Quallen, die Floreszieren, also leuchten. Die kommen auch in der Tiefsee vor. Das finde ich faszinierend.

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