Interview mit Markus Babbel Bayern und die Löwen: „Eine herrliche Hassliebe“

Markus Babbel über die Rivalität zwischen dem TSV 1860 und den FC Bayern. Foto: dpa/GES/Augenklick

Der ehemalige Bayernprofi Markus Babbel spricht im AZ-Interview über die veränderte Rivalität zwischen Bayern und 1860, Tradition, Geld und seinen Job als Trainer in der Schweiz.

 

Der 42-jährige Münchner spielte 1991/92 und von 1994 bis 2000 beim FC Bayern und war später Trainer beim VfB Stuttgart, Hertha BSC Berlin und der TSG Hoffenheim. Aktuell trainiert er den Schweizer FC Luzern. Im Traininslager teilt sich seine Mannschaft aktuell das Hotel mit dem TSV 1860.

AZ: Herr Babbel, Sie haben einmal gesagt, dass Sie den TSV 1860 nicht leiden können. Jetzt teilen Sie sich mit den Löwen das Hotel im Trainingslager im spanischen Marbella. Gibt es schon Spannungen?

MARKUS BABBEL: (lacht) Nein, herrje. Die Aussage wird mich wohl mein Leben lang begleiten. Sechzig begleitet mich schon mein ganzes Leben. In Gilching, wo ich aufgewachsen bin, gab es mehr Weiß-Blaue als Rote. Ich war als Kind öfter im Grünwalder als im Olympiastadion. Aber es ist eben eine herrliche Hassliebe. Man frotzelt, verfolgt aber trotzdem genau, was die Sechziger so machen. Der Klub war immer Bestandteil meines Lebens. Auch durch unheimlich viele Derbys, weil ich mit zehn zum FC Bayern gewechselt bin. Deswegen hoffe ich auch, dass sie in der Liga bleiben werden. Sie wollten zwar aufsteigen, werden das aber wohl nicht mehr so ganz hinbekommen.

Sie haben Rivalität über mehrere Jahrzehnte mitbekommen. Wie hat sich diese, wie Sie sagen, Hassliebe verändert?

Was die erste Mannschaft angeht, gibt es eigentlich keine Rivalität mehr. Dafür ist 1860 einfach mittlerweile zu weit von den Bayern entfernt. Zu meiner Zeit war das noch anders. Da hatten wir wirklich legendäre Derbys. Das waren Spiele mit einer unglaublichen Stimmung auf den Rängen und hitziger Atmosphäre auf dem Platz. Im Nachhinein eine tolle Zeit! Und eine Schande, dass es diese Zeit nicht mehr gibt. Das wäre gerade für München eine tolle Geschichte. Aber jetzt ist die Kluft einfach viel zu groß geworden. Die Bayern haben sich einen solchen Status erarbeitet, dass es nicht nur für den TSV kaum noch möglich ist, überhaupt halbwegs Paroli zu bieten.

Sie sprechen die Entwicklung des FC Bayern an. Was sind für Sie die Gründe dafür, dass der Klub in den letzten Jahren noch einmal einen solchen Sprung gemacht hat?

Es ist kein Geheimnis, dass die Bayern außergewöhnliche Spieler in den letzten Jahren verpflichtet haben. Von Robben über Ribéry bis Götze und Lewandowski. Aber was für mich Gold wert ist, sind die Local Boys. Sie haben Jungs wie Schweinsteiger, Lahm, Müller, Alaba und Badstuber eben nicht gehen lassen, sondern sie trotz aller anderen Stars zu den Gesichtern des Vereins gemacht. Gerade für die Fans, die aus der Region kommen, ist das unglaublich wichtig. Noch wichtiger, als irgendeinen Superstar aus dem Ausland zu holen.

Markus Babbel über 1860: Da fehlt das langfristige Konzept

Das war früher anders.

Absolut. Da wurden die deutschen Stars im Ausland viel mehr geschätzt. Im eigenen Land aber hat der Prophet nicht wirklich viel gezählt.

Als früherem Abwehrspieler müsste Ihnen das Herz aufgehen, wenn Sie Jérôme Boateng spielen sehen, oder?

Ein super Junge, der sich vom Bruder Leichtfuß zum Paradebeispiel für außergewöhnliche Leistungen und Konstanz zu entwickeln beginnt. Das Besondere an ihm ist: In den großen Spielen ist er in den letzten zwei Jahren immer zur Höchstform aufgelaufen. Wenn ich mir das Champions-League-Finale gegen Dortmund anschaue oder das WM-Finale gegen Argentinien, dann muss man vor ihm den Hut ziehen.

Was macht ihn so stark?

Er hat einen super Körper, hat die Geschwindigkeit, aber auch die Technik, außergewöhnlich Fußball zu spielen. Das schafft er mittlerweile, auf den Punkt auf den Platz zu bringen. Das ist beeindruckend. Der FC Bayern ist der Krösus der Bundesliga.

Andere Vereine wie Wolfsburg, Ihr Ex-Verein Hoffenheim und jetzt in der Zweiten Liga RB Leipzig versuchen mittels Sponsoren, diese Lücke zu schließen. Wie sehen Sie diese Klubs?

Mir ist es wichtig, dass sich Investoren für den Fußball interessieren. Lieber sollen sie ihr Geld in unseren Sport investieren, als es sinnlos zu verprassen. Wichtig ist, dass es ihnen um Kontinuität geht, darum, etwas aufzubauen. Wenn es langfristig ausgelegt ist, dann sehe ich darin etwas Positives. Viele Traditionsvereine haben trotzdem Bedenken gegen Investoren. Weil sie es selbst nicht schaffen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Da würde ich mir wünschen, mehr auf sich selbst zu schauen und eigene neue Wege zu finden, ohne die Tradition infrage zu stellen. Das ist leichter gesprochen als getan, aber gerade diese Klubs haben auf den entscheidenden Positionen wie Trainer und Sportdirektor eine hohe Fluktuation.

Wie 1860.

Genau. Wenn es nicht läuft, wird immer sofort alles hinterfragt. Da fehlt mir das langfristige Konzept, das man auch bei Rückschlägen verfolgt. Wenn du permanent das Personal austauschst, kannst du keine Kontinuität schaffen.

Sie selbst sind als Trainer auch schon Opfer kurzfristigen Misserfolgs geworden. Jetzt sind Sie in der Schweiz beim FC Luzern gelandet. Haben Sie sich schon das Wappen des Vereins eintätowieren lassen?

(lacht) Nein, jetzt ist erst einmal die Arbeit wichtig. Wir stecken in einer schwierigen Lage, aus der wir schnell rauskommen müssen (Tabellenletzter mit 13 Punkten aus 18 Spielen, Anm. d. Red.).

Der Job in Luzern war der erste seit Ihrer Entlassung im September 2012 in Hoffenheim. Wie schwer war es, diese Zeit zu überbrücken?

Es war das erste Mal, seit ich im Fußball bin, dass ich eine längere Auszeit hatte. Ich war als Spieler genauso wie als Trainer immer sofort wieder in einem neuen Job. Das war eine enorme Belastung, weshalb diese zwei Jahre gut getan haben, um abzuschalten und auch mal was anderes zu sehen. Ich habe auch Angebote von Vereinen abgelehnt, bei denen es mir von den Möglichkeiten her eigentlich gut gefallen hätte. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich das gerade nicht will. Ein gutes Angebot abzulehnen und dir zu sagen, dass du es gerade nicht annehmen musst, ist ein Prozess, den ich erst einmal lernen musste.

So schwärmt Markus Babbel von Jérôme Boateng

Beim FC Luzern hat es dann aber gepasst?

Ja. Die Schweiz habe ich immer intensiv verfolgt. Das war für mich auch immer eine Alternative zur Bundesliga oder Zweiten Liga. Ich sehe es definitiv nicht als Sprungbrett zurück nach Deutschland. So bin ich nicht.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie den Mann beerbt haben, der im Sommer noch bei 1860 im Gespräch war, Carlos Bernegger?

So spielt manchmal das Leben. Im Sommer lese ich noch davon, dann beerbe ich ihn. So ist Fußball.

Sprechen Sie schon Schweizerdeutsch?

(lacht) Es wird langsam besser. Aber wenn die Schweizer uns Deutsche am Tisch verarschen, dann finde ich das herrlich.

 

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