Interview mit Jutta Speidel "Die ganzen Püppchen mit ihren Stilettos"

Herzliche Geste: Ein kleines Mädchen drückt sich auf dem Laufsteg der Reithalle an Jutta Speidel, die sie fest in den Arm nimmt. Seit 15 Jahren engagiert sich die Schauspielerin für obdachlose Kinder. Foto: dpa

Schauspielerin Jutta Speidel über Neubeginne im Alter, die Frauenverwirklichung – und die Probleme, die Männer damit haben

 

AZ: Frau Speidel, ein Zitat von Ihrer Rolle als Elli Kreuzer, in der Sie an diesem Freitagabend ab 20.15 Uhr in der ARD zu sehen sind, lautet: Die Ehe ist ein bittersüßes Joch, sie gleicht einer Zwiebel – man weint und isst sie doch. Wie viele Zwiebeln mussten Sie denn schon in Ihren Partnerschaften essen?

JUTTA SPEIDEL: Ein paar muss man immer essen – das gehört dazu. Wenn alles immer auf so einer wohltemperierten Ebene stattfindet, ist das doch stinklangweilig. Regenwolken müssen sein, damit danach die Sonne wieder scheinen kann. Partnerschaft ist etwas, was man sich erarbeitet.

Ist das gerade heutzutage die Herausforderung?

Ich sehe bei jungen Menschen durchaus die fehlende Bereitschaft, für etwas zu kämpfen. Sie heiraten mit großem Tamtam, kriegen Kinder – und dann kommt oft die Trennung. Aber: Der nächste muss nicht unbedingt besser sein.

In „24 Milchkühe und kein Mann” wird geheiratet. Sie selbst leben seit Jahren in wilder Ehe. Kommt die selbstständige Frau ohne Ehemann aus?

Natürlich, weil die Absicherung der Frau ganz anders läuft als früher – sie versorgt sich nämlich selbst. Viele Frauen bringen die Kohle nach Hause, haben einen Multitasking-Job – wie ich. Kinder erziehen, Beruf ausüben, Karriere machen, da frage ich mich doch: Warum sollte ich nochmal heiraten? Einen wirtschaftlichen Grund habe ich nicht, und die Liebe funktioniert auch so.

Hat der Mann etwa den Anschluss verloren?

Er hat es zumindest in den letzten 40 Jahren nicht geschafft, sich zu finden. Höchst merkwürdig. Dabei gibt es Emanzipation fast schon 100 Jahre. Ernst genommen hat der Mann die Bewegungen zu Beginn zwar nicht, kapiert hat er die Frauenverwirklichung aber bis heute nicht. Auf der anderen Seite muss ich sagen, schaue ich mir die ganzen Püppchen mit ihren hohen Stilettos an, denke ich, es hat sich nichts geändert. Wie kann man sich mit Mode so degradieren?

Hat sich die Einstellung in Bayern zu Ausländern geändert? Im Film erfährt der Afrikaner Raymond eine gehörige Portion Ablehnung von den Dorfbewohnern.

Ich glaube, das ist nach wie vor in ganz Deutschland ein Problem. Aber in der Tat, viele Bayern sahen einen dunkelhäutigen Mann erst nach dem zweiten Weltkrieg, als die US-Soldaten hier stationiert waren. Auf dem Land ist eine Integration von Fremden nach wie vor nicht ganz einfach – das trifft sogar den Münchner, der aufs Land zieht.

Elli ist eine Frau in den besten Jahren, startet ein neues Leben und stößt auf Unverständnis. Sind Neubeginne im Alter verpönt?

Neubeginne sind immer wichtig – egal, wie alt man ist. Das Erstaunliche ist, dass die jüngere Generation, wie die meiner Töchter, die eine ist 27 Jahre alt, die andere 30, weniger offen für Neues ist, als ich es bin. Da denke ich manches Mal, jetzt pack' deinen Traum an! Denn wenn man weiß, wer man ist, dann ist das eine sehr spannende Entwicklung. Man darf nie warten, bis etwas auf einen zu kommt!

Kann ein Grund für diese Apathie die politische Situation sein? Man setzt wegen der Eurokrise, Wohnungs- und Jobmangel eher auf Sicherheit?

Ich bin in den 1968ern groß geworden. Da hatten wir nicht viel. Deutschland war im Aufbau, und wir haben das als Revolution gesehen. Auch jetzt sind Menschen wegen der Machenschaften der Banken auf die Straße gegangen – es ist gerade die beste Zeit, Sachen zu ändern. Schauen Sie nach Italien. Die jungen Menschen haben dort keine Idee, wie sich ihr Land innerhalb Europas integrieren lässt und wirtschaftlich wieder auf den grünen Zweig kommen kann. Aber sie machen was, sie gehen auf die Straße oder engagieren sich politisch. Gut, vielerorts haben die Proteste zu schnell aufgehört. Viele dachten, ich kann nichts mehr bewirken. Das ist aber falsch: Die Masse hat schon immer etwas bewirkt – daran müssen wir im Guten glauben!

 

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