Interview mit Hr. Prof. Ohnsorge Rückenverletzungen beim Wintersport – Was tun?

"In der Tat kann einem bei einer körperbetonten Sportart wie dem Skifahren mehr passieren. Nicht umsonst wünscht man sich ja „Hals- und Beinbruch“ - Prof. Dr. Ohnsorge im Interview. Foto: Prof. Dr. Ohnsorge

Verschneite Berghänge, blauer Himmel, strahlendender Sonnenschein - das sind die Bilder, die Freizeitsportler mit Winter verbinden. Und so zieht es an den Wochenenden viele Freizeitsportler in die Wintersportgebiete, um sich an den beliebten Wintersportarten Skifahren, Skilanglauf oder Snowboard zu erfreuen.

 

Dabei wird oftmals das Verletzungsrisiko unterschätzt wohingegen die eigene Fitness überschätzt wird. Das Ergebnis sind oftmals schwere Verletzungen der Gelenke und Sehnen. Auch der Rücken kann bei einem Sturz oder bei einer ungewollten Verrenkung betroffen sein, weiß Prof.* PD Dr. Jörg Ohnsorge *(Ningbo Univ.) aus der ATOS Klinik München.

Herr Professor Ohnsorge, viele verbinden Verletzungen beim Wintersport zunächst mit Knochenbrüchen oder Sehnenverletzungen. Was kann denn dem Rücken beim Skifahren passieren?

Prof. Ohnsorge: „In der Tat kann einem bei einer körperbetonten Sportart wie dem Skifahren mehr passieren, als der „Ski-Daumen“ oder andere Verletzungen an den Extremitäten. Nicht umsonst wünscht man sich ja „Hals- und Beinbruch“. Bricht nämlich tatsächlich der Hals kann das sogar tödlich sein oder zu Lähmungen führen.

Das liegt daran, dass auch das Rückenmark und die Nerven betroffen sein können, wenn bei Stürzen Wirbelkörper brechen. Aber selbst wenn alles gut läuft, wirken immer große Belastungen auf die Knochen, die Bänder und die Bandscheiben. Darum kann es auch ohne Sturz zu Problemen und sogar unbemerkt zu Verletzungen kommen wie z. B. einem Bandscheibenvorfall.

Viel häufiger sind aber vergleichsweise harmlose muskuläre Verspannungen, die sich sehr vielfältig, mitunter sehr schmerzhaft äußern. Typisches Beispiel ist der „Hexenschuß“. Nicht selten bestehen dann alarmierende Schmerzen, die einen nahezu bewegungsunfähig machen und sogar in die Arme oder die Beine ausstrahlen, als wäre ein Nerv eingeklemmt wie bei einer echten Ischias- Reizung.

Die richtige Diagnose ist nicht immer leicht zu stellen. Daher sollte bei Beschwerden nach dem Wintersport in jedem Fall ein Experte konsultiert werden und muß eine Verletzung der Wirbelsäule immer fachmännisch untersucht und behandelt werden. Das gilt aber natürlich für alle Sportarten.“

Sind Verletzungen beim Snowboardfahren oder beim Langlaufen anders?

Prof. Ohnsorge: „Grundsätzlich nicht, aber die Verletzungsmuster sind teilweise typisch für bestimmte Sportarten. Beim Snowboarden und seinen verschiedenen Spielarten, die man bei Olympia bestaunen kann, ist die Häufigkeit und die Art von Stürzen natürlich eine andere, allein schon wegen der akrobatischen Sprünge. Darum werden auch regelmäßig Helme und Protektoren getragen.

Beim Langlauf sind sich viele gar nicht klar darüber, welche enormen Belastungen auf die Wirbelsäule einwirken und wie gefährlich ein simpler Ausrutscher sein kann, wenn man dadurch ungebremst nach rückwärts auf den Rücken fällt oder auf dem Hosenboden landet. Dabei wird die Wirbelsäule plötzlich stark gestaucht und selbst bei jungen Sportlern kann das zu erheblichen Verletzungen führen.

Bei älteren Patienten ist infolge der geringeren Widerstandsfähigkeit der Knochen auch schon das Wandern im Schnee nicht ganz ungefährlich.

Übrigens, haben Sie schon mal daran gedacht, wie sehr das harmlos anmutende Eisstockschießen auf den Rücken geht?

Die gebückte Haltung, das hochfrequente Wischen und das Rutschen über den Boden sind extreme Belastungen für das Kreuz.“

Kann man durch entsprechende Vorbereitung Sportverletzungen effektiv vorbeugen?

Prof. Ohnsorge: „Unbedingt. Umsichtiges Verhalten beim Sport, Vermeiden kritischer Situationen und richtige Einschätzung der eigenen körperlichen Fähigkeiten sind natürlich das Wichtigste. Allgemeine Fitness ist zuträglich und Ski-Gymnastik zur Vorbereitung sehr zu empfehlen.

Darüber hinaus ist die medizinische Kräftigungstherapie zur Prävention besonders gut geeignet. Dabei handelt es sich um spezielle Geräte, mit denen sich bestimmte defizitäre Muskeln selektiv auftrainieren lassen.

Besonders Leistungssportler profitieren davon, denn durch intensives Training entsteht oft ein Ungleichgewicht zugunsten der großen Muskelgruppen. Da sich die für die Stabilität der Wirbelsäule so wichtigen tief gelegenen kleinen Muskeln nicht ohne weiteres selektiv kräftigen lassen, entstehen dort Überlastungsschmerzen und Verspannungen. Um das wieder in Ordnung zu bringen, braucht man die MedX-Therapeuten und ihre Maschinen.

Für den Freizeitsportler ist das aber ebenso relevant. Eine gut funktionierende Muskulatur ist der beste Schutz vor Verletzungen. Sie fängt viele Belastungen auf oder federt sie ab, so daß Gelenke und Bandscheiben vor Überbeanspruchung geschützt werden und auch Unfälle eher glimpflich ablaufen. Aber natürlich kann man sich nicht vor allen Sportschäden schützen und nicht alle Verletzungen vermeiden.“

Wenn es doch dazu kommt, wie sollten die einzelnen Verletzungen behandeln werden?

Prof. Ohnsorge: Das ist eine schwierige Frage! Meiner Überzeugung nach verdient jeder Patient und damit jede Verletzung eine individuelle Behandlung. Äußerlich sind sich viele Beschwerde- und Verletzungsbilder zwar ähnlich. Meiner Erfahrung nach spielen aber wesentlich mehr persönliche Faktoren eine Rolle, als sich im Lehrbuch finden lassen.

Grundsätzlich muß unterschieden werden zwischen Verletzungen, die bleibende Schäden hinterlassen können und solchen, die mehr oder weniger von alleine folgenlos ausheilen können. Ziel der Behandlung ist schließlich immer die völlige Wiederherstellung. Elementar ist die richtige Einschätzung der Schwere und der Bedeutung der Verletzung. Zu oft wird das Problem gar nicht erkannt oder auf die leichte Schulter genommen. Manchmal ist eine Operation eben zwingend erforderlich, auch wenn das Niemandem gefällt.

In vielen Fällen sind aber in der ersten Phase Ruhe, mitunter auch Ruhigstellung und Schmerztherapie ausreichend. Daran schließt sich gewöhnlich eine intensive physiotherapeutische Behandlung an. In meiner Praxis gehört zur Rehabilitation aber auch die medizinische Kräftigungstherapie. Denn muskuläre Defizite sind einerseits oft die Ursache, andererseits fast zwangsläufig die Folge von Sportunfällen.

Müssen denn nicht gerade Verletzungen an der Wirbelsäule auch oft operiert werden?

Prof. Ohnsorge: Natürlich können Wirbelsäulenverletzungen nicht immer konservativ behandelt werden. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Nerven eingeklemmt sind oder die Wirbelsäule instabil ist. Dann muss man die Situation schleunigst chirurgisch retten. D. h. man muss dafür sorgen, dass kein bleibender Schaden entsteht.

Auch wenn ein Wirbelkörper nur angebrochen ist, aber zu befürchten steht, dass er unter der normalen Belastung des Alltags weiter zusammenbricht, kann eine kleine Operation zur rechten Zeit schwere Komplikationen und schwerwiegendere Eingriffe verhüten. Die moderne Wirbelsäulenchirurgie zeichnet sich durch besonders schonende minimal-invasive Techniken aus und bietet eine Vielzahl neuartiger spezieller Methoden und technischer Innovationen, die eine spezifische und differenzierte Behandlung der individuellen Verletzung ermöglichen.

Die Ergebnisse nach derartigen Operationen an der Wirbelsäule sind darum auch exzellent.“

Was heißt denn genau minimal-invasiv?

Prof. Ohnsorge: „Minimale Invasivität bedeutet, dass moderne Techniken und Instrumente so angewandt werden, dass über deutlich kleinere Zugangswege viel schonender operiert wird, als das im konventionellen Verfahren der Fall ist. Damit wird eine wesentlich geringere Beeinträchtigung der Muskulatur erreicht. Auch der Blutverlust ist demzufolge geringer. Für den Patienten macht sich das durch deutlich weniger Schmerzen und eine wesentlich leichtere und schnellere Erholung nach der Operation bemerkbar.

Wichtig ist, dass keinesfalls Kompromisse eingegangen werden, die das notwendige chirurgische Ergebnis aufs Spiel setzen. Z. B. ist bei komplexen Verletzungen der Wirbelsäule die zumindest zeitweise Versteifung mit Schrauben und Stäben unumgänglich, auch wenn das keinem Patienten gefallen wird. Durch sogenannte perkutane Technik ist der Eingriff aber viel weniger dramatisch, als man glaubt.

Dennoch sollte man nie das attraktivere, sondern immer das sinnvollste Verfahren anwenden. Die hohe Kunst der Wirbelsäulenchirurgie ist und bleibt die Stellung der Indikation, d. h. zu wissen, wann was warum sinnvoll oder notwendig ist. Der Patient sollte sich das genau erklären lassen.“

Kann ich denn nach einer solchen Operation überhaupt noch Sport betreiben?

Prof. Ohnsorge: „Selbstverständlich kann man selbst nach einer Operation wie der beschriebenen Spondylodese Sport treiben. Die Wiederherstellung der Normalität ist ja Ziel der Behandlung. Allerdings muß dafür auch alles richtig gemacht werden und zusammenpassen.

Die Muskulatur ist der Schlüssel. Darum ist es so wichtig, sie beim Operieren zu schonen und die Vernarbung gering zu halten.

Ebenso wichtig wie ein exzellenter Operateur, die richtige Indikation, ein perfekt durchgeführter operativer Eingriff, sind spezialisierte und erfahrene Therapeuten, die mit dem Chirurgen eng zusammenarbeiten und dessen Gesamtkonzept für die Rehabilitation durch intensive tagtägliche Betreuung des Patienten unterstützen.

Nur so, aber so kommt man auch schnell wieder auf die Beine – oder eben auch auf die Bretter.“

Vielen Dank für das Interview.

Mehr Informationen für Sie und Ihre Fragen auf www.ohnsorge-spine.com

 

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