Interview Darren Cullen "Ich liebe Diskussionen"

In Banksys Dismaland präsentierte Darren Cullen ein Taschengeld-Kreditbüro für Kinder – astronomisch hohe Zinsen inklusive. Foto: Darren Cullen

Der Pavillon, der ab Donnerstag vor der Oper steht, sieht aus wie ein Reisebüro, ist aber ein Kunstprojekt des Briten Darren Cullen.

 

Bekannt wurde Darren Cullen, durch seine Beteiligung an Banksys Anti-Disneyland „Dismaland“. Nun hat ihn der Münchner Kunstverein Positive Propaganda für eine Ausstellung nach München geholt. Die findet nicht in einem Museum statt. Am Max-Joseph-Platz vor der Staatsoper entstand ein eigener Ausstellungsraum in Reisebüro-Optik. Wir haben mit dem Künstler über seinen Werdegang und die Zusammenarbeit mit Banksy gesprochen.

AZ: Mr. Cullen, Ihre Kunst kritisiert das Konsumverhalten der Menschen und macht sich dabei oft auch über Werbung lustig. Dabei wollten Sie selber mal in die Werbeindustrie. Wie passt das zusammen?

DAREN CULLEN: Ja das stimmt. Ich wollte eigentlich Werbetexter werden. Für mich war das eine Möglichkeit, mit meinen kreativen Ideen meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch als ich mit dem Studium begann, habe ich gemerkt, dass Marketing eben nicht nur ein harmloser Beruf ist. Werbung nutzt die Unsicherheiten der Menschen aus und ist für die Gesellschaft ziemlich zerstörerisch. Also hab ich das Studium ein Jahr vor dem Abschluss abgebrochen und Kunst studiert.

...und haben damit begonnen, Werbung in Ihrer eigenen Sprache zu kritisieren.

Für mich ist Werbung der Kleber, der Dinge, die heute falsch laufen, zusammenhält. Ohne Werbung hätten wir nicht dieses starke Konsumdenken und ohne dieses Konsumdenken keine Klimaerwärmung und ähnliche Dinge. Wenn man also etwas verändern muss, glaube ich, ist es das Spiel mit dieser ständigen Manipulation von Bedürfnissen.

Wie passt das in München geplante Reisebüro dazu?

Für mich ist das Reisebüro ein guter Weg, um alle Ideen dazu zusammen zu bringen, wie wir im Westen uns weiter andere Länder zu eigen machen. Die großen westlichen Imperien waren nie weg, sie haben nur eine andere Form angenommen. Wir haben eine Art Neo-Kolonialismus, in dem wir Länder weiterhin für unsere Zwecke ausbeuten. Ein Großteil unseres Lebensstils basiert darauf.. Tourismus ist für mich ein gutes Symbol dafür, denn auch Reisen ist eine Lifestyle-Entscheidung – oftmals zulasten der bereisten Länder. Das Reisebüro symbolisiert außerdem die Privilegien, die wir haben. Wir können einfach so in diese Länder reisen und einen Schritt weiter gedacht, sie für unsere Zwecke ausnutzen und wieder verlassen. Andersherum gibt es das aber nicht.

Wann haben Sie zum ersten Mal über all das nachgedacht?

Das beschäftigt mich schon eine Weile. Meine Eltern sind aus Irland und ich bin fasziniert davon, wie die Engländer Irland sehen. Für sie ist es dieser nette Urlaubsort nebenan. Viele von ihnen haben völlig vergessen, dass es dort 30 Jahre lang Bürgerkrieg und davor fast 800 Jahre Unterwerfung durch die Briten gab. Diesen kollektiven Gedächtnisverlust kann man oft beobachten. So viel wurde und wird der Welt in unserem Namen angetan, aber wir sind davon so abgeschirmt. Das gilt auch für mich. Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Waffenhandel beschäftigt und war überrascht, dass selbst Firmen wie Siemens oder Philips Entwicklungsabteilungen fürs Militär haben. Boeing und Airbus bauen Waffen, was uns wieder zurück zu dem Reisethema bringt. Die gleichen Firmen die es uns ermöglichen zu reisen, ermöglichen es uns auch, Bomben zu werfen. Ich finde das ziemlich absurd.

Bekannt wurden Sie mit Ihrer Beteiligung an Banksys „Dismaland“. Wie kam das zustande?

Ich wusste nicht einmal, dass das Ganze etwas mit Banksy zu tun hatte, bis ich vor Ort war. Mir wurde nur gesagt, es ginge um diesen dystopischen Freizeitpark und ich wusste, welche anderen Künstler mitmachten, konnte also abschätzen, dass es etwas größeres wird. Banksy hatte ja nie zuvor mit mir gearbeitet und war deswegen vermutlich sehr vorsichtig.

Hat er später doch mal persönlich vorgestellt?

Nein, wir haben E-Mails geschrieben, aber nie direkt gesprochen. Trotzdem war die ganze Erfahrung großartig für mich. Mein Leben hat sich dadurch maßgeblich verändert. Davor habe ich in meinem WG-Zimmer gearbeitet, und meistens Zeichnungen und kleinere Skulpturen gemacht. Jetzt habe ich ein eigenes Atelier und kann auch größere Projekte angehen.

Zurück zu „Empire Air“. Wie glauben Sie, werden Ihre Ideen an einem Ort wie dem Max-Josephs-Platz aufgenommen?

Das weiß ich nicht, aber ich bin neugierig. Bei allen meinen Projekten bin ich in der Regel vor Ort, auch um mich mit Leuten zu unterhalten. Ich liebe Diskussionen. Wenn es viele davon gäbe, wäre das großartig.

 

„Empire Air“, Max-Joseph-Platz, bis 29. April, 12–19 Uhr. Eröffnung: Donnerstag 18.30 Uhr, Eintritt frei

 

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