Impfen – ja oder nein? Kita, Arbeit, Urlaub: Diese Impfungen brauchen Sie

Ein Bub wird geimpft. Foto: dpa

Ob in der Kita, in der Arbeit, im Ruhestand oder im Urlaub: Gegen welche Krankheiten man sich wann und wie oft schützen sollte.

Impfen – ja oder nein? Und gegen welche Krankheiten? Spätestens seit dem schweren Masernausbruch in Berlin mit einem toten Kleinkind ist das Thema Impfungen wieder in den Fokus gerückt. So will Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) den Impfschutz mit einem neuen Präventionsgesetz schon ab der Kita sicherstellen.

Dabei betreffen Impfungen nicht nur Kinder, sondern genauso Erwachsene – ob im Beruf, in Rente oder auf Reisen.

Der Münchner Impfexperte Dr. Nikolaus Frühwein von der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen, und die Ständige Impfkommission (STIKO) erklären, wer wann welche Impfungen braucht:

Säuglinge und Kinder: Aktuell werden für Kinder und Säuglinge Grundimmunisierungen für folgende 13 Infektionen und Krankheiten empfohlen:

- Rotaviren: Häufigster Erreger von Magen-Darm-Erkrankungen bei Säuglingen; Zwei bis drei Schluckimpfungen im Abstand von vier Wochen; im Zeitraum zwischen sechs Wochen bis zur 32. Lebenswoche abzuschließen.
- Wundstarrkrampf (Tetanus): Vier Grundimmunisierungen zwischen dem 2. und 14. Lebensmonat; kann laut Frühwein einige Tage an der Einstichstelle am Arm schmerzen.
- Diphtherie: Vier Grundimmunisierungen gegen das Bakterium.
- Keuchhusten (Pertussis): Vier Grundimmunisierungen, empfohlen zwischen 2. und 14. Lebensmonat.
- Kinderlähmung (Polio): drei bis vier Impfungen; mit dem Kinderarzt absprechen.
- Hepatitis B: drei bis vier Grundimpfungen.
- Influenza Typ b: Gilt als eine der schlimmsten bakteriellen Entzündungen für Kinder bis zu fünf Jahren; vier Impfungen bis zum 14. Lebensmonat.
- Pneumokokken: Vier Impfungen bis zum 14. Lebensmonat.
- Meningokokken-C: einmalige Impfung, ab dem 12. Lebensmonat.
- Masern, Mumps, Röteln: Kombinationsimpfstoff gegen die viralen Erreger, zwei Impfungen zwischen 12. und 23. Lebensmonat.
- Windpocken: zwei Impfungen, parallel zu Masern, Mumps und Röteln.

„Das klingt erstmal viel“, gibt Frühwein zu. Aber sind sie wirklich alle notwendig? Aus seiner Sicht ja. Nur so kann garantiert werden, dass Krankheiten wie Masern ausgerottet werden.

Der Münchner Arzt beruhigt auch Eltern, die Angst haben, dass das zu viel für ihr Kind sein könnte: „Für den Körper ist das kein Problem.“ Allerdings sollen nur gesunde Kinder geimpft werden. Was ist, wenn sich Eltern später als empfohlen für die Impfung der Kinder entscheiden? „Eine Impfung ist immer möglich“, sagt Frühwein.

Wer sein Kind also vorher nicht impfen lassen wollte, sich aber umentscheidet, kann seinen Nachwuchs immer noch immunisieren lassen. Es gibt unterschiedliche Impfstoffe, die an das Alter angepasst sind, so Frühwein.

Jugendliche: Auch für Jugendliche gibt es mehrere Impfungen, die von der Impfkommission empfohlen werden:

- HPV: Humane Papillomviren (HPV) können Gebärmutterhalskrebs auslösen. Die Impfung wird von der STIKO für Mädchen zwischen neun und 14 Jahren empfohlen, am besten vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Bis zum 17. Lebensjahr können Ungeimpfte den Schutz nachholen.
- Auffrischimpfungen: Im Alter von fünf bis sechs Jahren und zwischen neun und 17 Jahren werden jeweils eine Auffrischung in Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten sowie eine Kinderlähmung-Impfung fällig.

Erwachsene: „Die Impfung von Erwachsenen ist unser großes Problem“, so Frühwein. „Wie erwische ich mit dem Thema die Erwachsenen?“, das ist die Frage, die den Impf-Mediziner umtreibt. „Viele denken, wenn man als Kind geimpft wurde, hält das für immer.“ Das ist falsch.

Folgende drei Impfungen müssen Erwachsene laut Frühwein alle zehn Jahre auffrischen lassen:

- Diphtherie
- Tetanus
- Keuchhusten Vor allem Letzterer wird laut Frühwein oft unterschätzt. Besonders dann, wenn man mit Säuglingen in Kontakt kommt. Der Impfexperte nennt das „Umgebungsschutz für Säuglinge“. Wer sich nicht gegen Keuchhusten geimpft hat, kann leicht einen Säugling anstecken. Frauen lassen sich am besten vor der Schwangerschaft impfen, Väter und Großeltern am besten rund vier Wochen vor der Geburt.

Was ist, wenn ich die Auffrischung nach zehn Jahren vergessen habe? Ist eine dieser empfohlenen Auffrischungsimpfungen länger als zehn Jahre her, muss nicht wieder eine Grundimmunisierung wie bei Kindern gemacht werden, sagt Frühwein. Eine einmalige Auffrischimpfung schützt auch etwa nach zwölf Jahren wieder.

- Zecken: Auch die Zeckenimpfung empfiehlt Frühwein für Erwachsene. Vor allem in Regionen mit einem hohen Risiko wie etwa im Raum Passau sollte man gegen FSME geschützt sein. Diese Impfung muss alle drei bis fünf Jahre aufgefrischt werden.

- Masern (nach 1970): Wer nach 1970 geboren ist und bislang noch gar nicht oder nur einmal gegen Masern geimpft wurde, sollte seit der STIKO-Empfehlung von 2010 gegen Masern geimpft werden. Wer vor 1970 geboren wurde, hatte die Krankheit nach STIKO-Schätzung ohnehin. Empfohlen wird ein Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfstoff).

Menschen ab 60: Senioren sollten folgenden Impfschutz haben:

- Influenza: Die Grippeimpfung wird neben Risikogruppen wie Herzkranken vor allem für Senioren empfohlen. Die Impfung sollte jedes Jahr im späten Herbst, vor der Grippe-Saison, gemacht werden.

- Pneumokokken: Die Bakterien verursachen eine Lungenentzündung. Ab 60 Jahren empfiehlt die STIKO eine einmalige Impfung beziehungsweise eine Auffrischung.

Berufstätige: Wer den ganzen Tag im Büro sitzt, braucht keinen zusätzlichen Impfschutz. Anders sieht das bei Ärzten, Krankenpflegern, Tierpflegern oder Arbeitern in der Lebensmittelbranche aus. Wie Frühwein erklärt, gibt es für Berufe, die eine besondere Infektionsgefährdung haben, die sogenannte G42-Vorsorgeuntersuchung. Darin ist geregelt, welche Impfungen notwendig sind. Frühwein nennt drei Beispiele:

- Gesundheitsberufe: Hepatitis B.
- Tierärzte, Förster, Jäger: Tollwut: Eine Infektion endet fast ausnahmslos tödlich. Die Impfung wird vorsorglich dreimal innerhalb eines Monats durchgeführt und muss alle zwei bis fünf Jahre wiederholt werden.
- Flüchtlings-Helfer: Immer wieder kommt es in Flüchtlingsunterkünften zu Meningokokken-Erkrankungen. Erst im Februar ist ein zweijähriges Flüchtlingskind in Berlin daran gestorben. Meningokokken-B wird von der STIKO noch nicht standardmäßig empfohlen.

Reisende: Wer ins Ausland fährt, sollte sich entsprechend schützen. Davon abgesehen, dass alle Standardimpfungen aufgefrischt sein sollten, sind diese Impfungen besonders wichtig:

- Hepatitis A und B: „Generell sollte man gegen Hepatitis A und B geimpft sein, wenn man in warme Regionen reist“, empfiehlt Frühwein.
- Gelbfieber: Einige Risikoländer verlangen diese Impfung zur Einreise. Dazu gehören afrikanische Urlaubsländer wie Tansania oder Kenia sowie in Zentral- und Südamerika Bolivien, Brasilien und Ecuador. Wer die Impfung nicht vorweisen kann, darf nicht ins Land oder wird vor Ort geimpft. In München haben über 80 Ärzte die Genehmigung, gegen Gelbfieber zu impfen.
- Meningokokken: Diese Impfung ist vor allem in Ländern des tropischen Afrikas und Südost-Asien wie Saudi-Arabien wichtig. Dort kommt die Krankheit am häufigsten vor.

Dr. Nikolaus Frühwein im AZ-Interview: Ein "Nein zur Impfpflicht"

AZ: Doktor Frühwein, seit dem Masern-Ausbruch wird immer wieder eine Impfpflicht diskutiert. Was sagen Sie dazu?
Nikolaus Frühwein: Zu einer Impfpflicht sage ich Nein. Das bringt nur noch mehr Impfgegner. Und überhaupt: Wie will man das durchsetzen? Welche Strafen soll es denn fürs Nicht-Impfen geben? Das sind unausgegorene Vorschläge, die da vorgebracht werden.

Impfgegner stützen sich auf unterschiedlichste Argumente. Was sagen Sie dazu?
Für mich gibt es keine Alternative zum Impfen. Die Zahlen sprechen einfach dafür. Ich habe auch das Gefühl, das ins Impfen oft mystische Sachen hineininterpretiert werden.

Warum ist Impfen Ihrer Meinung nach so wichtig?
Erstens, damit man selbst gesund bleibt, und zweitens um schwere Erkrankungen zu vermeiden – für alle.

Impfen ist also keine Privatangelegenheit? Nein, das ist in den meisten Fällen keine Privatsache. Bei Masern zum Beispiel: Die werden von Mensch zu Mensch übertragen. Für mich als Arzt ist auch die Grippe-Impfung keine private Entscheidung, weil ich sonst andere anstecken könnte.

Zur Person Dr. Nikolaus Frühwein: Der Arzt aus München gehört zur Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen und ist Impfexperte.

 

0 Kommentare