Immer mehr Bürger betroffen Schulden-Atlas: Wo Münchner rote Zahlen schreiben

Immer mehr Münchner geraten in die Schulden-Spirale. Vor allem ältere Menschen sind betroffen. Foto: dpa/microm&boniversum

Dem Schuldneratlas von "Creditreform" zufolge sind mittlerweile fast zehn Prozent der Bürger überschuldet. In manchen Brennpunkt-Vierteln sind es sogar deutlich mehr – und auch die Senioren trifft es hart.

 

München - Eine schicke Wohnung, ein neues Handy und beim Auto auch gerne das größere Modell: Immer mehr Münchner leben über ihre Verhältnisse. Der Wirtschaftsauskunftei "Creditreform" zufolge ist inzwischen bereits jeder Zwölfte in der Stadt überschuldet. Und ein Ende der Schuldenspirale ist bislang nicht absehbar.

"Die Tendenz ist bedenklich", sagt Philipp Ganzmüller, der Chef von "Creditreform" München. So ist dem neuen Schuldneratlas, den das Unternehmen jedes Jahr vorstellt, unter anderem zu entnehmen, dass die Zahl der Menschen, die dauerhaft mehr ausgeben als einnehmen, im vergangenen Jahr noch einmal deutlich gestiegen ist, nämlich um 4.900 auf jetzt 104.954 – der höchste Wert seit 2007.

In München dreht sich die Abwärtsspirale schneller als anderswo

Im deutschlandweiten Vergleich steht München damit zwar noch ganz gut da: Der Bundesdurchschnitt liegt bei 10,06 Prozent. In München gelten nur 8,63 Prozent der Einwohner als überschuldet. Allerdings: Die Zahl der Fälle nimmt hier deutlich schneller zu als im Rest des Landes. "In München ist der Abwärtstrend stärker", sagt Ganzmüller.

Das ist schon bemerkenswert, denn eigentlich gilt München doch als äußerst wohlhabende Stadt. Die Wirtschaftslage ist gut, die Arbeitslosenquote niedrig – und trotzdem treiben immer mehr Menschen dem finanziellen Ruin entgegen? "Ein paradoxes Bild", findet auch Ganzmüller.

Experten sehen für diese Entwicklung vor allem zwei Gründe: Zum einen verleiten die niedrigen Zinsen zu einer recht sorglosen Kreditaufnahme. Zum anderen hegen in München auch diejenigen, die nicht so viel verdienen, den Wunsch, irgendwie mitzuhalten. Und dafür reizen sie ihren finanziellen Spielraum gnadenlos aus. Wenn einem dann Kündigung, Scheidung, Krankheit, gescheiterte Selbstständigkeit oder eine allgemein eher lasche Buchhaltung dazwischenkommen – die "Big Five" der Überschuldungsgründe – sitzt man schnell in der Falle.

Besonders gefährdet sind dem Schuldneratlas zufolge die Altersgruppen zwischen 30 und 59. Waren es früher vor allem noch die Jungen, die sich mit Handykäufen, Klingeltönen und Klamotten finanziell übernommen haben, ist die Schuldenkrise mittlerweile in der Mitte des Lebens angekommen.

"Die Jungen scheinen ihre Finanzen inzwischen besser im Griff zu haben", sagt Ganzmüller. Zwar sind in manchen Vierteln auch junge Erwachsene unter 30 schon massiv überschuldet (Am Hart: 9,18 Prozent). In diesem Alter hat man aber noch sein ganzes Berufsleben vor sich, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und kann sich mit etwas Glück wieder aus dem Schuldenloch herausarbeiten. Mit zunehmendem Alter wird das immer schwieriger.


Wo wohnen in München die meisten Menschen mit Schulden? Eine Übersicht nach Postleitzahl-Gebieten. Zum Vergrößern, bitte auf das Bild klicken. Grafik: microm&boniversum

Altersarmut wird das große Thema der Zukunft werden

Einige Viertel sind bereits stark von Altersüberschuldung gebeutelt. Bei den 60- bis 69-Jährigen liegt die Schuldnerquote in manchen Stadtteilen mittlerweile bei um die 15 Prozent. Bei den 50- bis 59-Jährigen sind es mancherorts sogar über 20 Prozent. Altersarmut wird "das größte soziale Problem der Zukunft", ist sich Ganzmüller deshalb sicher. Denn wie soll jemand noch etwas für die Rente zurücklegen, wenn ihm ohnehin schon die Gläubiger hinterherrennen.

Besonders düster sieht es für Senioren in diesen Stadtteilen aus: Berg am Laim, Isarvorstadt, Hasenbergl, Ludwigsvorstadt und Schwanthalerhöhe. Warum sich die Schuldenfälle genau dort häufen, ist mitunter schwierig zu sagen. Manchmal handelt es sich um klassische Arbeiterviertel, manchmal um welche mit viel sozialem Wohnungsbau. Das könnte ein Erklärungsansatz sein. Aber ohnehin lohnt sich der Blick auf die einzelnen Stadtbezirke. Die Lage in der Stadt ist nämlich alles andere als einheitlich.

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Während im Hasenbergl, am Hart und in Berg am Laim die Gerichtsvollzieher quasi ein und aus gehen, ist die Schuldnerquote in gut situierten Vierteln wie Obermenzing, Bogenhausen und Harlaching verhältnismäßig gering. München sei eine "gespaltene Stadt", sagt Ganzmüller. Die Analysten von "Creditreform" haben zudem einige interessante Trends aufgespürt: So gibt es offenbar eine Schuldnerverdrängung aus der City in die Randbereiche der Stadt.

In der Ludwigsvorstadt zum Beispiel waren vergangenes Jahr noch 13,31 Prozent überschuldet, heuer sind es nur noch 12,81. Nicht aber etwa, weil dort nun so viel solider gewirtschaftet wird. Durch Luxussanierung seien einfach viele Leute in prekärer Finanzlage zum Umzug gezwungen worden, schätzt Ganzmüller. Dass sich die Lage bald wieder entspannt, glauben die Fachleute übrigens nicht, im Gegenteil. Steigende Energiepreise, allgemein höhere Lebenshaltungskosten: Wer da in der Schuldenfalle steckt, kommt dort noch schwerer wieder raus. "Der finanzielle Stress dürfte 2017 für die Betroffenen noch zunehmen", schätzt Ganzmüller.


Die Schuldnerquoten der Münchner Stadtteile im Detail. Zum Vergrößern, bitte auf das Bild klicken.

 

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