Imageschaden für zu Guttenberg Plagiatsvorwürfe: Das kann er abschreiben

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg: Ist seine Doktorarbeit ein Plagiat? Foto: dapd

Der Minister nennt die Vorwürfe abstrus, aber ganze Passagen stammen aus fremden Federn. Merkel wird aufmerksam.

 

Es ist kein guter Morgen im Schweizer Wallis: Der Himmel bewölkt, der Schnee rar. Beim Frühstück trifft es Klara Obermüller (70), die Journalistin und ehemalige TV-Moderatorin mit „voller Wucht“. Verblüfft liest sie, dass ganze Passagen der juristischen Doktorarbeit von Karl Theodor zu Guttenberg (39) identisch sind mit einem Text, den sie Jahre zuvor geschrieben hatte.

„So dumm kann man doch gar nicht sein. Das kommt doch raus. Ich habe ihn für intelligenter gehalten, zumal seine Doktorarbeit summa cum laude war“, sagt sie zur AZ.

Die promovierte Literaturwissenschaftlerin, einst Mitglied des „Literarischen Quartetts“ im ZDF, ist fassungslos: „Es ist ja legitim, sich mit Artikeln auseinanderzusetzen, aber dass man das gleich abschreibt.“ Es gehe hier ja nicht im um „ein Sätzchen, wo man sagen könnte: okay, sondern um einen längerer Passus. Obermüller: „Und es ist sogar ein Wort hinzugefügt. Das finde ich verräterisch. Wenn man sich diese Mühe macht, dann deute das darauf hin, dass man weiß, was man tut.“ Über Guttenberg sei sie „sehr enttäuscht“. Der werde sich jetzt herausschwatzen und sagen, es sei ein Versehen. Obermüller: „Ein Versehen in einer Doktorarbeit, das kann ich nicht glauben.“

Auch in Berlin ist es kein guter Morgen. Über dem Verteidigungsminister braut sich etwas zusammen, das mehr schaden könnte, als Afghanistan und „Gorch Fock“. Die Kanzlerin „interessiert sich für den Fall“, sagt ihr Sprecher. Sie wolle die Prüfung durch die Uni Bayreuth „abwarten“. Dort sei der Fall „in guten Händen.“ Die haben am Mittwoch schon – ergebnislos – getagt. Über sechs Seiten haben der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano und sein Kollege Felix Hanschmann  Beispiele zusammengetragen, wo Guttenberg abgeschrieben hat. Klara Obermüller ist kein Einzelfall. Neue kommen dazu. Die „FAZ“ meldet, dass Guttenberg auch aus einem ihrer Artikel von 1997 abgeschrieben habe: und zwar für die Einleitung der Arbeit.

Guttenberg geht in Abwehrstellung: „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus.“ Hämisch legt er nach: „Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.“ Verantwortlich will er dafür ganz alleine sein. An der Arbeit habe kein Mitarbeiter mitgewirkt. „Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung“, so Guttenberg.

Das sorgt für Schadenfreude bei der Opposition. Grünen- Fraktionschef Jürgen Trittin: „Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann.“ Mit den eigenen Waffen will Markus Rinderspacher, SPDLandtagsfraktion in Bayern den Verteidigungsminister schlagen: „Der muss seine Maßstäbe, die er beim Kapitän der ,Gorch Fock’ gesetzt hat, auch an sich selbst anlegen und bis zur Klärung der Plagiatsvorwürfe auf seinen Doktor-Titel verzichten.“

Für Riesenwirbel sorgt die Doktorarbeit auch an den Unis. Milos Vec beschäftigt sich am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt mit Plagiaten: „Das Abschreiben hat in der Uni einen anderen Stellenwert als in der Schule.“ An der Uni lerne man den Respekt vor geistigen Eigentum. Die belastenden Stellen bei Guttenberg seien da „ziemlich eindeutig“. Der Münchner Jura-Professor Volker Rieble (49), Autor eines Buchs über Plagiate, spricht von einer „extremen Textübernahme“: „Ganze Absätze wortwörtlich zu übernehmen, das ist schon hart.“ Seine Erfahrung mit Abschreibern: „Solche Plagiate kommen in einer extremen Drucksituation zustande. Die Leute sitzen lange an ihrer Dissertation, bringen nichts zustande. Dann gehen sie in den Beruf, haben keine Zeit mehr. Der Druck wird groß und man greift zu solchen Mitteln, um rauszukommen.“

Auch der CSU-Baron stand unter Druck: In seinem Vorwort schreibt er: „Wie oft wurde der Kairos der Fertigstellung durch freiberufliche wie später parlamentarische ,Ablenkung’ versäumt.“ Zumindest das ist O-Ton Guttenberg. Kairos heißt übrigens: „Der richtige Moment“ auf griechisch.

 

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