Im Zenith München-Konzert von Ben Howard: Schlecht gemixt

, aktualisiert am 29.11.2018 - 06:31 Uhr
Ben Howard, hier bei einem Konzert in Amsterdam. Foto: Epa/Paul Bergen

Ben Howard und seine Band versumpfen mit ihrem düsteren Folk-Pop im Zenith. Die AZ-Konzertkritik.

 

München - In der Musik wie bei Getränken gilt: Für den perfekten Genuss muss die Mischung einfach stimmen. Welches Verhältnis von Rum und Cola es braucht, um einen anständigen Nica Libre - die nicaraguanische Variante des Cuba Libre - zu mixen, werden vor allem versierte Barkeeper wissen, aber es ist anzunehmen, dass zu viel Süßes den Geschmack verdirbt.

Nicaragua als Inspiration

Ben Howard nun, der 31-jährige Singersongwriter aus der südenglischen Grafschaft Devon, hat zuletzt häufig Nicaragua bereist, um dort in der einheimischen Lyrik zu schmökern und sich für sein eigenes Schaffen inspirieren zu lassen.

Die Zuckerdosis hat der britische Song-Poet nach seinem preisgekrönten Debüt "Every Kingdom" (2011) immer weiter reduziert. Der Zweitling "I Forget Where We Were" (2014) klang noch mehr nach düsterem Folk-Pop, der jetzt im dritten Album "Noonday Dream" in teils über siebenminütigen experimentellen (Alb)Träumereien zwischen Ambient und Postrock ausufern darf.

Minimalistische Gitarren und Moll-Melancholie

Dass am Ende des Tunnels dennoch ein Licht leuchtet, zeigt sich schon beim Album-Opener "Nica Libres at Dusk", mit dem Ben Howard auch sein Konzert in der elend lang gestreckten Industriehalle des Zenith beginnt. Während er und seine Begleiter in der Strophe mit minimalistischen Gitarrenmotiven und flächiger Elektronik satte Moll-Melancholie erzeugen, lassen sie den Refrain in fast euphorischem Dur erstrahlen: ein Gefühl von Karibik in der Dämmerung. An langen Stativen hoch- und runterfahrbare Scheinwerfer, die was von leicht beschwipsten Straßenlampen haben, spenden dazu warmes Licht. Ebenso passend zum atmosphärischen Dräuen flimmern hinten stimmungsvolle Videos über die Leinwand. Schemenhafte Gestalten wechseln sich da ab mit nostalgisch gefilmten Blumenwiesen; oder eine Tür steht offen, führt aus dem dunkeln Inneren in einen hellen, heimelig lockenden Garten.

Die Gitarre auf den Knien

Im Videoclip zu "Nica Libres at Dusk" stapft Howard staubend durch eine öde Landschaft: ein Hipster-Cowboy, der auf weiter Soundstraße wandelt. Die Aussichten sind aber gar nicht schlecht: "Missed the end of the world and it's just fine" heißt es später im Konzert in "Murmurations", angelehnt an R.E.M. Will heißen: Wir haben die Apokalypse längst hinter uns, aber es passt scho' alles. Musikalisch ist dieser Endzeittrip mit Lichtblicken auch live spannend komplex gebaut. Und seine diversen Gitarren zupft und schlägt Ben Howard weiterhin auf seine ganz eigene Art, mitunter auf den Knien.

Klangbrei im Zenith

Aber im akustischen Tunnel des Zenith verschwimmen die sowieso schon mit viel Hall und Delay gespielten E-Gitarren mitsamt den sphärischen Synthie-Effekten und kaum wahrnehmbaren Einsätzen eines Streichertrios zu einem einzigen Klangbrei, der sich wie eine Wand vor dem Publikum aufrichtet, so dass man kaum Einlass findet in Howards introspektive Gedankenwelt. Zudem ist er keine Rampensau, sondern hält sich mit Ansagen zurück.

"I Forget Where We Were", eröffnet den zweiten Block des eineinhalb Stunden kurzen Abends. Ben Howard alleine an der Gitarre, nur leicht umwölkt von Elektronik. Man hätte es gerne vergessen, aber alle waren im Zenith, wo die Töne sich so unvorteilhaft vermischten, dass sie matschig wurden wie die Gehwege draußen.

 

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