Im Dornröschen-Schlaf Paradies am Pazifik: Die Villa von Thomas Mann

Blick vom Garten auf die Villa des Schriftstellers Thomas Mann in Pacific Palisades in Los Angeles. Foto: Gregor Tholl/dpa

Noch ist das Haus in Kalifornien zugewachsen und leer – doch schon im September will Deutschland dem Gebäude neues Leben verleihen.

 

Wer die neue, künftige Stipendiaten-Unterkunft der Bundesrepublik Deutschland in Los Angeles besucht, trifft zurzeit noch auf ein zugewachsenes Gebäude – eine Villa im Dornröschen-Schlaf.

Das frühere Wohnhaus des Schriftstellers Thomas Mann (1875-1955) im Stadtteil Pacific Palisades wirkt verwunschen. Das von der Straße kaum einsehbare Anwesen mit üppigem Garten und Pool hat eine bewegte Geschichte – und wird bald zu einem Ort der Begegnung.

Nach ersten Exil-Jahren in Frankreich, der Schweiz und im Osten der USA landeten die Manns Anfang der 40er Jahre unter der Sonne Kaliforniens, während in der alten Heimat Krieg herrschte. Zunächst wohnten sie zur Miete am Amalfi Drive, bevor sie den Neubau am San Remo Drive bezogen. Es ist eine teure, ruhige Wohngegend. Filmstars wie Goldie Hawn, Ben Affleck und Matt Damon haben oder hatten schon eine Bleibe in der Nähe.

Im Garten wartet ein himmelblauer Pool. Vom Rasen geht es über ein paar Stufen auf eine Terrasse. Quer dazu erstreckt sich fast über die ganze Hauslänge auch im ersten Stock eine Veranda. Im Obergeschoss des Hauses – etwa 200 Quadratmeter – gibt es mehrere kleine Räume, die als Schlafzimmer dienten. Im Erdgeschoss – etwa 300 Quadratmeter – breitet sich ein Wohnzimmer mit Glasfront gen Garten aus. Auch die Küche ist hier.

Außerdem findet der Besucher im Parterre den historisch wichtigsten Raum, das Arbeitszimmer mit dunklen Holzregalen. Von hier konnte Thomas Mann über eine kleine Privattreppe direkt ins eigene, von seiner Frau getrennte Schlafzimmer gehen. In diesem Büro erarbeitete der Hitler-Gegner in den Kriegsjahren unter anderem seine BBC-Radioansprachen "Deutsche Hörer!". Außerdem schrieb er hier Teile von "Joseph, der Ernährer" und "Der Erwählte" sowie den Musikerroman "Doktor Faustus".

"Dieses Haus erbaute Thomas Mann. Er wohnte hier mit seiner Frau Katia und seinen Kindern Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael von 1941 bis 1952", steht auf Deutsch und Englisch auf einer Plakette, die die Bundesrepublik bereits 1977 stiftete. Sie hing viele Jahre neben der Haustür und soll dies bald wieder tun.

Nach den Manns lebten hier jahrzehntelang der Anwalt Chet Lappen und seine Frau, denen das kulturelle Erbe ihrer Immobilie bewusst und auch lieb war. Fremde, die an der Tür klingelten, weil sie Thomas Manns Exil-Adresse aus seinen Tagebüchern kannten, wiesen sie nicht ab. Nach dem Tod von Chet Lappen war das Haus in den letzten Jahren als Mietobjekt auf dem Markt. Eine auf Luxusanwesen spezialisierte Makler-Firma hatte die Villa im Angebot.

Als in Deutschland bekannt wurde, dass das Haus, das keinen Denkmalschutz hat, zum Verkauf steht, ging die Angst um, ein Investor könne es kaufen und abreißen. Bundespolitiker und eine Online-Petition setzten sich dafür ein, dass Deutschland das Thomas-Mann-Haus erwirbt.

Deutschland hat das Haus für 12,5 Millionen Euro gekauft

Nach aufwendigen Verhandlungen im Auftrag von Frank-Walter Steinmeier geschah dies für umgerechnet 12,5 Millionen Euro. Jetzt will Deutschland das Haus auf Vordermann bringen und vieles vom allzu heftigen Grün auf dem Grundstück beschneiden.
Die ersten bis zu fünf Stipendiaten sollen dann hier bereits ab September wohnen, heißt es vom Auswärtigen Amt zu den Plänen.

Die Auserwählten sollen sich mit Themen wie Identität, Migration, Flucht und Exil beschäftigen und den transatlantischen Dialog stärken.

Außenminister Sigmar Gabriel sagt: "Mit dem Thomas-Mann-Haus haben wir künftig einen idealen Ort, um im Geiste Thomas Manns wieder mehr den Blick füreinander zu schärfen, gemeinsam mit unseren amerikanischen Partnern die großen Fragen unserer Zeit zu erarbeiten und das Fundament für gemeinsame Lösungen zu finden."

 

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