Im AZ-Interview: Privat wie nie! Alice und Ellen Kessler: Ihr verrücktes Doppelleben

Zwei Frauen unter einem Dach: Die Schiebetüre, an der Alice (r.) und Ellen Kessler stehen, trennt ihre beiden Wohnungen. Foto: API/Michael Malfer

Im großen AZ-Gespräch erzählen Alice und Ellen von Groupies, Männern und mehr – und verraten, warum ihr Alltag so ideal ist

 

Es dauert etwas, bis man das Prinzip versteht. Wer bei Alice und Ellen Kessler daheim in Grünwald zu Besuch ist, wird nicht nur mit selbst gebackenem Kuchen liebevoll empfangen, sondern hat die Qual der Wahl: Auf welche Seite gehen wir und reden? Zu Alice oder zu Ellen?
Sie haben sich zwei Wohnungen in das Haus bauen lassen. Jede hat ihre eigene Küche, ihr eigenes Wohnzimmer, ihr Schlafzimmer und Bad, alles spiegelverkehrt eingerichtet. Wer seine Ruhe will, zieht die Trennwand in der Mitte zu.
Zusammen werden die Weltstars am Mittwoch 156. Wir gehen zu Ellen, die Show-Stars sprechen über ein ungewöhnliches Leben im Doppelpack.

AZ: Liebe Alice, liebe Ellen, singen Sie sich gegenseitig ein Ständchen zum Geburtstag?

BEIDE: Um Gottes Willen, nein!

ALICE: Wir gratulieren uns. Das reicht.

ELLEN: Wir schenken uns auch nichts. Lieber mal spontan im Jahr, aber nicht gezielt zu irgendwelchen Festtagen. Wir backen uns auch nicht gegenseitig einen Kuchen (lacht).

Sie haben beide Ihre eigene Küche, Ihr eigenes Wohnzimmer und doch leben Sie unter einem Dach. Ziemlich verrückt.

ELLEN: Funktioniert prima.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Kochen Sie zusammen?

ELLEN: Nein, nie.

Jede für sich in ihrer Küche?

ALICE: Abwechselnd. Wenn die eine mittags kocht, macht die andere in der Zeit 45 Minuten Gymnastik im Keller. Und andersrum. So macht jede jeden zweiten Tag Sport.

ELLEN: Und jede kocht jeden zweiten Tag. Getrennt von der anderen. Jede hat ihre Abläufe in der Küche, da wäre die andere nur ein Störfaktor. Ich wüsste bei Alice nicht, wo was steht. Aber wir essen zusammen am gemeinsamen Esstisch.

Kaufen Sie zusammen ein?

ELLEN: Sehr selten. Aber wir sprechen uns ab, was es gibt, damit wir nicht dasselbe kaufen. Ich habe heute Dorade gemacht, morgen ist Alice dran.

ALICE: Oh, ja, da muss ich mir noch was überlegen. Mittags gibt’s bei uns immer warm, abends kalt. Wer kocht, deckt auch und wäscht danach ab.

Sie haben Ihr Doppel-Leben perfekt organisiert.

ELLEN: Absolut. Wir haben uns so eingelebt, als wir das Haus hier 1986 gebaut haben. Am Anfang haben wir noch fast alles zusammen gemacht, weil wir davor ja immer ein Haus hatten, mit einer Küche, einem Bad. Das war dann weg, jede hatte plötzlich ihre eigene Küche, ihre eigene Seite, da mussten wir uns auch erstmal dran gewöhnen.

ALICE: Aber es ist wunderbar so, jeder kann ja eigentlich machen, was er will.

Also ist ein gemeinsames Leben mit zwei Seiten besser?

BEIDE: Und wie!

Fliegen weniger die Fetzen und die Teller?

ELLEN: Nicht deswegen, aber wir sind ja beide Frauen. Bei einem Ehepaar geht der Mann vielleicht nicht so in die Küche, die Frau steht eher in der Küche. Und so standen wir uns am Anfang, als wir noch eine Küche für uns beide hatten, total auf den Füßen.

ALICE: Und auch sonst überall. Wir haben gemerkt: Irgendwie wird es zu eng. „Mach du!“, „Nein, ich!“, „Ach, nee, du“ – so ging das Hin und Her.

ELLEN: Es gab ständig Schwichtigkeiten, weil alles nur einmal da war und dann haben wir gesagt, wir müssen das ein bisschen ändern. Jede braucht ihr eigenes Reich.

Sie haben über Ihr Problem offen gesprochen. Ist das Ihr Rezept für eine lange Beziehung?

ELLEN: Und ob. Viele diskutieren ja nicht mehr, wenn es ein Problem gibt – egal, ob Ehepartner oder Bruder – , sondern rennen lieber weg. Ich glaube, dass es neben der Offenheit extrem hilfreich ist, wenn man zwar gemeinsam lebt, aber getrennte Bereiche hat. Das würde auch jeder Ehe gut tun.

Gab es mal den Punkt, wo eine von Ihnen gesagt hat: Jetzt reicht’s! Ich will ein Leben ohne die andere?

ALICE: Das sagen wir immer im Streit: „Ich trenne mich von dir!“, „Ich will dich nie weder sehen!“

ELLEN: Oder: „Ich such mir eine Wohnung ohne dich!“ Solche Sachen. Dann wird die Trennwand, also die Schiebetüre, zugezogen.

Wie lange ist Funkstille?

ALICE: Früher auch mal zwei Tage. Heute versöhnen wir uns schneller. Mal lenkt Ellen ein, mal ich.

ELLEN: Wer sagt, er streitet in einer Beziehung nie, der lügt. Das gibt es nicht. Der Streit gehört zum Menschen. Man ist mal nervös, irgendwas läuft einem über die Leber, meist sind es ja Kleinigkeiten.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des großen AZ-Interviews mit den Kessler-Zwillingen

Gab es je den Moment, dass Sie sich wirklich voneinander trennen wollten?

ELLEN: Nö. (Alice schüttelt den Kopf)

Die längste Zeit, die Sie je getrennt waren?

BEIDE: Sechs Wochen.

ALICE: Da war ich auf Weltreise. 1963.

Und wie war das?

ALICE: Ganz angenehm.

ELLEN: Wir haben hin und wieder Urlaub voneinander genommen. Einen Monat im Sommer oder so.

Ist es toll, nie einsam zu sein?

ELLEN: Ich genieße es total. Ich kann hier den ganzen Tag auf meiner Seite sein, keiner will was, stört oder fragt mich was und dabei habe ich nie das Gefühl der Einsamkeit. Denn da drüben, das weiß ich, auch wenn die Schiebewand zu ist, ist jemand. Wenn was ist, kann ich jederzeit klopfen. Es ist der ideale Zustand.

Wie wäre es, wenn hier noch zwei Männer wären?

ALICE: Voll.

ELLEN: Nicht auszuhalten.

Haben Sie denselben Männergeschmack?

ALICE: Ziemlich. Das Aussehen ist egal, die Chemie muss stimmen. Peter Ustinov wäre was für mich gewesen. Kein schöner Mann, aber ein toller Mann.

Wünschen Sie sich manchmal einen Mann?

ELLEN: Nee, danke.

ALICE: Nicht mit 78.

Die Liebe ist doch alterlos?

ELLEN: Das mag sein. Aber man wird egoistischer und wohl auch eigenartiger. Man führt sein Leben, will es so haben und nicht mehr verändern.

ALICE: Die Zeit der Anpassung ist vorbei. Deshalb nehmen sich viele ältere Herren junge Mädels, weil die sich noch anpassen wollen. Eine Frau über 60 macht das nicht mehr.

ELLEN: Ich war ja mal 20 Jahre mit einem Mann liiert. . .

ALICE: . . . Ich bin dafür in einem Jahr mit 20 Männern ausgegangen (beide lachen) . . .

ELLEN: . . . und plötzlich fing er an: Wo gehst du hin? Wie lange bleibst du weg? Ich dachte, geht’s noch, wie der mich kontrollieren will. Aber dann kam raus, er hatte eine andere Freundin, wollte nur wissen, wann er sie anrufen kann.

ALICE: Wenn ich mich mit Freundinnen treffe, die sind ja alle so in meinem Alter, erzählt da fast jedes Mal eine andere, dass ihr Mann weg ist. Die Reaktion ist stets: Ah, jetzt endlich bin ich frei und kann mein Leben leben. Die verlassenen Frauen sind alle heilfroh.

Werden Sie oft von Männern angemacht?

ALICE: Überhaupt nie. Die trauen sich nicht.

ELLEN: Mit so alten Weibern wie uns flirtet man doch nicht. Früher war das anders, da gab’s sehr viele Groupies. Ständig Angebote und Zettel auf dem Zimmer: „Wenn Sie nicht können, können Sie ja Ihre Schwester schicken.“

 

 

0 Kommentare