Zweifel an offiziellen Angaben Chinas Millionenstädte abgeschottet - Lage doch schlimmer?

Man kommt nicht mehr raus aus der Stadt: Eine Anzeigetafel im Flughafen Heathrow zeigt einen gestrichenen Flug aus dem chinesischen Wuhan. Foto: Steve Parsons/PA Wire/dpa/dpa

China reagiert vehement auf die neue Lungenkrankheit. Besonders betroffene Städte sind abgeschottet. Militär ist im Einsatz. Veranstaltungen werden abgesagt. Doch es gibt auch Zweifel: Ist das Ausmaß schon weit schlimmer als offiziell mitgeteilt?

 

Peking - Millionenstädte abgeschottet, das Militär im Einsatz, keine Pauschalreisen mehr ins In- und Ausland: China reagiert mit immer neuen Maßnahmen auf die neue Lungenkrankheit. Doch es werden auch Zweifel laut, ob die offiziellen Angaben das wahre Ausmaß der Infektionswelle im Land wiedergeben.

In den USA wurde ein zweiter Fall der Erkrankung nachgewiesen. Es handele sich um eine Frau in Chicago, die aus der am stärksten betroffenen chinesischen Stadt Wuhan zurückgekehrt sei, teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC am Freitag mit. Bereits am Dienstag war das Coronavirus bei einem Mann nachgewiesen worden, der ebenfalls aus Wuhan in die Westküstenmetropole Seattle zurückgekehrt war.

Die USA kündigten an, das Personal ihres Generalkonsulats und deren Familien aus dem schwer betroffenen Wuhan abzuziehen. Die Anordnung erfolge wegen der Ausbreitung des neuen Coronavirus, der logistischen Probleme durch das beschränkte Transportwesen und der "überwältigten Krankenhäuser" der Stadt, sagte ein Botschaftssprecher.

Ärzte in Wuhan äußerten, dass sich ihrer Meinung nach schon wesentlich mehr Menschen angesteckt haben als offiziell zugegeben. Auch sei weitaus mehr Krankenhauspersonal betroffen als die offiziell bekannten 15 Mitarbeiter. "Es lassen sich infizierte Krankenhausmitarbeiter in fast allen größeren Krankenhäusern in Wuhan finden", sagte ein Arzt der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post".

Staatsmedien berichteten, in der 11-Millionen-Metropole werde ein neues Krankenhaus mit 1000 Betten errichtet - in nur sechs Tagen. Die Gebäude werden demnach aus vorproduzierten Bauteilen zusammengesetzt. Das Krankenhaus soll ab dem 3. Februar die ersten Patienten aufnehmen. In Wuhan gibt es besonders viele Infektionen, weil das Virus dort - vermutlich auf einem Markt - von einer Wildtierart auf den Menschen übersprang. Die Krankheit hat sich inzwischen im ganzen Land verbreitet.

Den chinesischen Behörden zufolge liegt die Zahl nachgewiesener Infektionen im Land derzeit bei rund 900. Mehr als 25 der Patienten sind gestorben, zumeist ältere Menschen mit Vorerkrankungen. Da Dutzende sehr schwer erkrankte Menschen in den Kliniken liegen, sind weitere Todesfälle zu erwarten. Nachweise wurden auch aus anderen Ländern wie den USA und Thailand gemeldet. In Europa ist bislang keine Infektion mit dem neuartigen Virus bekannt.

Direktflüge aus Wuhan zu europäischen Städten gibt es nicht mehr, eine weitere Maßnahme dürfte für noch weniger chinesische Gäste sorgen: China untersagte den Verkauf von Pauschalreisen ins Ausland und im Land selbst. Wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtete, wurden Reisebüros und Veranstalter angewiesen, den Verkauf solcher Pauschalurlaube von Freitag an zu stoppen. Der Schritt ist ein schwerer Schlag für die Tourismusindustrie: Chinesische Touristen haben allein 2018 mehr als 110 Milliarden Euro im Ausland ausgegeben.

In China war am Freitag bereits in mehr als zehn Städten der schwer betroffenen Provinz Hubei mit insgesamt mehr als 40 Millionen Einwohnern die Bewegungsfreiheit der Menschen stark eingeschränkt. Nah- und Fernverkehr wurden gestoppt, Ausfallstraßen gesperrt. Zudem sollen in der Öffentlichkeit Schutzmasken getragen werden.

Etliche Besucher konnten die Stadt vorerst nicht mehr verlassen. Zumindest in Wuhan ist inzwischen auch das Militär im Einsatz - es leite die "gemeinsame Kontrollarbeit", berichtete das Staatsfernsehen. Auch werde medizinisches Personal des Militärs mobilisiert. Details etwa zur Zahl der eingesetzten Soldaten wurden nicht genannt.

Gesperrt wurden am Freitag auch Teile der Großen Mauer. Betroffen ist Staatsmedien zufolge der bei Touristen beliebte Mauerabschnitt Badaling im Norden von Peking. Zuvor hatten die Behörden bereits angekündigt, dass in Peking Großveranstaltungen auf unbestimmte Zeit gestrichen werden, darunter die traditionellen Tempeljahrmärkte, die als zentraler Teil der chinesischen Neujahrsfeiern gelten.

Auch die Verbotene Stadt, das bekannte Palastmuseum in der Hauptstadt, gab bekannt, ab Samstag für unbestimmte Zeit zu schließen. Auch Disneyland in Shanghai machte zu.

Die auf ein neuartiges Coronavirus zurückgehende Infektionswelle überschattet zudem das chinesische Neujahrsfest, das in der Nacht zum Samstag begangen werden sollte. Zu dem zweiwöchigen Fest sind Hunderte Millionen Chinesen in ihre Heimatorte gereist - was die Sorge vor einer Ausbreitung des Virus noch vergrößerte.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bei zwei Sitzungen am Mittwoch und Donnerstag keinen Anlass gesehen, eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite auszurufen. Sie empfiehlt auch keine Reise- oder Handelsbeschränkungen. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte am Donnerstagabend, der Ausbruch werde aber extrem ernst genommen. "Es ist noch keine Notlage von internationaler Tragweite, aber das kann es noch werden."

Das Auswärtige Amt in Berlin riet dazu, nicht notwendige Reisen in die betroffenen Gebiete zu verschieben. Das Risiko für deutsche Reisende in Wuhan werde als "moderat" eingeschätzt.

Zur Behandlung von Patienten, die sich mit der neuen Lungenkrankheit infiziert haben, soll in der zentralchinesischen Stadt Wuhan ein Krankenhaus errichtet werden - in nur sechs Tagen. Die Gebäude für die Anlage mit 1000 Betten werden aus vorproduzierten Bauteilen zusammengesetzt, wie Staatsmedien berichteten. Auf einem Video von der Baustelle sind Dutzende Bagger zu erkennen, die das Gelände vorbereiteten. Das Krankenhaus soll ab dem 3. Februar die ersten Patienten aufnehmen. Während der Sars-Pandemie 2003 war in Peking innerhalb weniger Tage ein Behandlungszentrum entstanden. Tausende Bauarbeiter waren daran beteiligt.