Im Alter von 86 Jahren gestorben James Last ist tot - sein letztes AZ-Interview

James Last bei seinem letzten Auftritt am 26.4.2015 in Köln. Foto: dpa

Mr. "Happy Party Sound" ist tot. Erst vor wenigen Wochen beendete James Last († 86) nach einer gefährlichen Dickdarmentzündung seine Bühnenkarriere. Die AZ hat die Musik-Legende im März zur Nahtoderfahrung und seiner Abschiedstournee interviewt.

 

Letzten Herbst hat er dem Knochenmann tief in die Augen geblickt: akute Dickdarmentzündung, Not-OP. Drei Stunden lag James Last unter dem Messer – und ist dem Tod dann noch einmal von der Schippe gesprungen. Doch unberührt gelassen hat „Mr. Happy Sound“ diese Erfahrung nicht. Und so ging der 86-Jährige zwar erneut auf Tournee mit seinem Orchester, doch statt weiterhin dem Tourmotto „Nonstop Music“ zu frönen, hat der Bandleader entschieden, sich von der Bühne zu verabschieden.

Wenige Wochen nach seinem letzten Konzert am 26. April in der Kölner Lanxess-Arena ist die Musik-Legende in Florida nach kurzer, schwerer krankheit gestorben. Im AZ- Interview vom 14. März sprach James Last mit uns über seine Karriere, zeitgenössische Musik und seine Nahtoderfahrung.

AZ: Als wir uns das letzte Mal sahen, haben Sie den Gedanken an eine „Last Tour“ noch weit von sich gewiesen. Doch nun sprechen Sie von Ihrer Abschiedstour. Wie ist es zu diesem Sinneswandel gekommen?

JAMES LAST: Seit 1968 gehe ich mit meinem Orchester auf Tournee, wir haben einige tausend Konzerte seither gespielt. Aber meine gesundheitlichen Probleme letztes Jahr haben mich sehr nachdenklich gemacht: Alles kam sehr überraschend, inmitten der Tourvorbereitungen. Ganz plötzlich zeigt einem das Schicksal da Grenzen auf, die man, wenn’s einem gut geht, nicht sieht. Wenn man etwas liebt, ist es sehr schwer loszulassen, doch ich habe diese Entscheidung jetzt getroffen: Dies wird meine letzte Tournee sein.

Wie geht es Ihnen denn derzeit gesundheitlich?

Mir geht es gut – wir stehen ja kurz vor der Tournee, und da geht’s mir immer gut.

Im Vergleich zu unserem letzten Interview würde ich sagen: Sie sehen blendend aus, aber Sie haben einen Tick abgenommen.

Ein Tick ist etwas untertrieben. 30 Pfund habe ich verloren, und die sollte ich wieder zunehmen. Aber im Alter bekommt man das nicht mehr so schnell hin.

Haben Sie dafür einen speziellen Ernährungsplan gehabt?

Jeder Arzt hat etwas anderes gesagt: Du musst dieses Mittel nehmen, das ist genau richtig für die Muskeln ... Nur mein Chirurg hat gesagt: Weiterleben wie immer! Und da war er bei mir an der richtigen Adresse.

Kein Gedanke also an eine spezielle Aufbauernährung.

Nein, wir leben gesund. Ich habe eine Glutenallergie und muss ohnehin speziell essen – meine Frau kocht und backt sogar das Brot selbst.

Treiben Sie eigentlich Sport?

Zweimal die Woche mache ich Fitnesstraining, und wir spielen ein bisschen Golf, um an die frische Luft zu kommen.

Die Notwendigkeit sportlicher Aktivität entdecken viele Menschen erst nach einer schweren Krankheit. Haben Sie sich vor Ihrer Darmoperation jemals Gedanken über Ihre Gesundheit gemacht?

Nein. Zumal wir ja auch immer ganz schön getagt haben – und mit den Musikern trinken wir auch jetzt noch einen zusammen.

Sie selbst haben nach Ihrer Operation auf Alkohol verzichtet. Wird das auch auf der Tour so bleiben?

Dazu kann ich nichts sagen – meine Frau hört zu.

Sie schreiben bis heute alle Arrangements selbst. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Das kann ich nicht. Es ist das, was ich gerade fühle – und wenn das nachher tatsächlich herüberkommt, ist das eine tolle Sache!

Nun binden Sie in Ihr Programm immer wieder auch aktuelle Hits ein – wäre ich jetzt bös‘ …

… seien Sie doch mal bös‘ …

… dann würde ich sagen: Da biedert sich einer an den Zeitgeist an, um den Rahm der Charts abzuschöpfen.

Aber diese Titel sagen mir richtig was! Von Katy Perry etwa habe ich „Roar“ im Programm: Da läuft die Bassfigur den ganzen Titel durch, da ist richtig Anmache drin. Es braucht immer eine ruhige Unterlage, und oben gibt’s dann einen drauf – oder auch umgekehrt: Die Kontraste machen es eben aus. So hat übrigens auch Bach früher schon geschrieben: unten den Bass und oben die Melodie.

Ihr Hauptaugenmerk bei der Titelauswahl ist also auf diese Kontraste gerichtet?

Ja – und es muss natürlich zu uns passen und für uns spielbar sein. Wir haben Streicher, Flöte, Saxophon, Keyboard und Synthesizer im Orchester, der eine ist ein Jazzer, der andere ein toller Klassik-Geiger: All das musst du einpacken und mitnehmen können.

Wofür es dann ohne Frage den richtigen Song braucht. Ist es heute Ihrer Ansicht nach schwieriger als früher, gute Titel zu entdecken?

Es ist eine ganz andere, viel kurzlebigere Welt geworden. Heute gibt es viele Hits, die binnen zwei Jahren wieder weg sind vom Fenster. Früher gab es viele sogenannte Evergreens, doch die sind heute sehr rar geworden. Es ist eben eine andere Zeit: Früher war alles ruhiger und langsamer, heute ist alles hektisch und viel aggressiver.

Wer ist denn in der Musik unserer Tage zum Beispiel Ihr Favorit?

Hans Zimmer.

Der Oscar-prämierte Filmmusik-Komponist?

Der turnt mich zum Beispiel an, von ihm haben wir auch viele Titel im Programm. Er hat ein ganz besonderes Sound-Gefühl – und das ist oft auch harmonisch so interessant und schön, dass man die Melodie weglassen kann: Das reicht auch schon so für eine Gänsehaut!

Nun ist das ja Musik, die eher selten im Radio läuft. Hören Sie eigentlich noch regelmäßig Radio angesichts der Tatsache, dass auf den meisten Wellen die immer gleichen einfältigen Titel abgespielt werden?

Im Auto ja – zuhause nicht. Als reine Untermalung kommt Radio für mich nicht in Frage. Zuhause sitze ich stattdessen in meinem Zimmer und lausche auf meinem Computer meinen Lieblingssongs, um dann meine Frau zu rufen: „Hast Du den Titel schon gehört?“

Was spielen Sie ihr dann vor?

Zum Beispiel Hans Zimmer – und Klassik höre ich zuhause auch.

Was manchen überraschen wird. Woher rührt Ihre Liebe zur Klassik?

Meine erste Platte, die ich mir als 14-Jähriger gekauft habe, war eine Aufnahme des Violinkonzerts von Béla Bartók. Das fand ich einfach riesig, für mich war das ganz tolle Musik. Und bei Opern wie „Madame Butterfly“ habe ich geheult, so dass meine Mutter schon gesagt hat: „Stell dich nicht so an!“

Dabei waren Ihre ersten praktischen Erfahrungen mit der Klassik keineswegs so ermutigend gewesen.

Ja, ich hatte so eine typische Klavierlehrerin: Die stand vor mir, Hände auf dem Rücken, und blickte durchs Fenster nach draußen, während ich dagesessen bin und meine Stücke vorgespielt habe. Sie war nie zufrieden und hat gesagt: „Aus dir wird nie etwas! Gib lieber auf!“

Da war Ihre Karriere also beinahe schon zu Ende, bevor sie überhaupt beginnen konnte.

Doch dann bin ich zu einem anderen Klavierlehrer gewechselt, und der war wie ein Vater: Der hat sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt und auf den Flügel gestellt – aber ein schönes Deckchen daruntergelegt, damit die Tasse nicht klappert. Und dann habe ich vorgespielt, was ich bis dahin gelernt hatte. Und am Abend hat er sofort meine Eltern angerufen und gesagt: Ihr Sohn hat Talent – und dann fingen die Mühlen langsam an zu mahlen …

… und das bis heute. 2015 feiern Sie Ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum als Orchesterdirigent. Überrascht es Sie manchmal selbst, dass Sie sich so lange so erfolgreich in diesem Business gehalten haben?

Ja, klar – wobei ich längst vergessen habe, was ich vor 40 Jahren aufgenommen habe.

Gibt es so etwas wie ein Erfolgsrezept?

Nein. Bei mir ist nichts geplant gewesen, alles hat sich ergeben. Wobei ich mich nie auf das Schicksal, sondern immer auf mich selbst verlassen habe.

Wissen Sie, wie viele Alben Sie verkauft haben?

Nein. Ich habe schon vor 15 Jahren aufgehört zu zählen.

Mehr als 50 Millionen Stück. In Ihrem Keller stapeln sich die Noten all dieser Stücke – und doch haben Sie auch für diese Tournee wieder neue Titel einstudiert.

Ja, das Programm habe ich angefangen zu arrangieren, als vor drei Jahren die vorige Tournee gerade zu Ende war. Unser Eröffnungstitel etwa lief damals in den USA, ohne allerdings wirklich groß herauszukommen – und hierzulande ist er völlig unbekannt geblieben: „My Songs Know What You Did in the Dark“ von Fall Out Boy. Das kennt keiner, und alle werden gleich vom Stuhl fallen und fragen: „Das ist James Last?“ Danach kommt ein eigener Titel, der heißt „Thanks for the Prayers“.

„Danke für Eure Gebete“ …

Denn als die Menschen in den USA im November letzten Jahres erfahren haben, dass ich schwer krank im Krankenhaus lag, haben sie für mich gebetet. Und in meiner Kirche in Orlando, wo ich wohne, ist sogar eine Andacht für mich gehalten worden. Die Amerikaner dort sind sehr gläubig, und deshalb habe ich diesen Titel in mein Programm genommen. Und wenn die Traurigkeit dann wieder weg ist, geht es eigentlich erst richtig los im Programm.

Als Sie im vergangenen Jahr notoperiert werden mussten, war das ein Moment für Sie, in dem Sie sich Gedanken über den Tod gemacht haben?

Nicht in dem Sinne, wie vielleicht viele denken… Ich bin ihm begegnet, nicht dem Tod selbst, aber diesem toten Ende, wo nur noch ein weißer Fleck ist: Einmal habe ich für Sekunden an so etwas gedacht. Doch ich habe keine Angst vor dem Tod: Der Tod gehört zum Leben, und unser Leben ist bestimmt, irgendwann zu Ende zu sein. Und dessen sollte man sich immer bewusst sein. Dann wird man auch nicht überrascht vom Tod.

Wie haben Sie diese Begegnung mit dem Tod erlebt?

Es war, als würde ich sterben. Ich hatte das Gefühl, es könnte jetzt vorbei sein … Zugleich war in dem Augenblick auch alles wieder da im Krankenhaus – und das war sogar ein tolles Gefühl: Ich habe an Gott gedacht, an die Musik, und mich in dem Moment so klar gefühlt. Das werde ich nie wieder vergessen. Dann spürte ich, dass meine Frau da war und mir die Hand gehalten hat: Sie ist Tag und Nacht bei mir gesessen und hat kaum geschlafen. Christine ist eine tolle Frau. Wenn man so jemanden hat, ist das Leben leichter.

 

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