Ian Gillan von Deep Purple Bayern ist seine spirituelle Heimat

Ian Gillan (vorne) und Deep Purple. Foto: ho/Veranstalter

Ian Gillan über das Alterwerden, seinen 70. Geburtstag und die gute alte Zeit des Rock

Der Mann sieht gut aus: Er kommt gerade aus Portugal, ist braungebrannt – und das einzige, das nahelegt, dass er schon ein bisschen älter ist, ist seine Lesebrille. Ian Gillan, der Sänger der Rockband Deep Purple, wird am 19. August 70. Und ist mit seiner Band im November wieder auf Deutschland-Tournee. Vielleicht sogar mit ersten Songs des neuen Albums im Gepäck. Wir haben mit ihm über das Älterwerden gesprochen, über Drogen und Alkohol – und darüber, was ihn mit München verbindet.

AZ: Ian, Sie sind ein Held für mich, seit ich zwölf bin. Haben Sie je die Chance gehabt, einen Helden Ihrer Jugend zu treffen und mit ihm zu sprechen – sagen wir mal: Elvis?

IAN GILLAN: Elvis ist mein Held, seit ich Heartbreak Hotel gehört habe – das hat mein Leben völlig verändert. Aber gesehen habe ihn nur im Kino. Mein anderer Held war Cliff Bennett, ein englischer Sänger – ich habe ihn und seine Band immer wieder gesehen. Und ich war fasziniert – ich stand immer direkt vor der Bühne, wahrscheinlich hatte ich meinen Mund weit offenstehen. Ich wäre am liebsten auf die Bühne geklettert und hätte mitgemacht. Und ich dachte: Ich will in einer Band sein, die sich so anhört.

Haben Sie ihn getroffen?

Bennett lebte in der Nachbarschaft, und ich ging einfach hin und klopfte an seine Tür. Ich hatte all mein Geld zusammengekratzt – es waren vielleicht vier Pfund. Cliff erschien in Bademantel und Slippern und ich dachte: Er ist aber nicht ganz so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Ich kaufte ihm Lautsprecher und Mikrofone und Kabel ab – für meine vier Pfund, weil ich dachte, mit diesem Equipment höre ich mich an wie Cliff Bennett. Später stellte sich natürlich heraus: Er hatte mir eine große Kiste Schrott angedreht.

Ich erzähle Ihnen wahrscheinlich nichts Neues, wenn ich erwähne, dass Sie dieses Jahr 70 werden.

Ich werde jeden Tag daran erinnert.

Ändert die Zahl 70 irgendetwas oder ist es nur eine Zahl?

Nur eine Zahl. Geburtstage sind wichtig, wenn man jung ist. Wenn man älter wird, bemüht man sich, sie zu vergessen. Ich habe mir auch nie viel aus Geburtstagsfeiern gemacht. Vor allem, weil ich als Kind bei solchen Gelegenheiten immer von meinen Tanten abgeknutscht wurde. Und wie alle kleinen Jungs hasste ich es.

Kann man mit 70 immer noch ein Rockstar sein – mit dem ganzen Image: Jeden Tag Party, Drogen, Alkohol und Groupies?

Natürlich ändert sich das, wenn man älter wird. Wenn du jung bist, ist dein Leben eine einzige große Party. Du fühlst dich unsterblich. Der Tod ist so weit weg. Wenn man älter wird, ahnt man die Wahrheit. Und das bewirkt natürlich, dass man andere Musik macht und andere Texte schreibt. Als ich jung war, sang ich über schnelle Autos und leichte Mädchen und Partys – weil das die einzigen Erfahrungen waren, die ich damals hatte. Als ich 1969 von Journalisten nach Deep-Purple-Anekdoten gefragt wurde, konnte ich keine erzählen, weil ich noch nichts erlebt hatte. Das änderte sich bald.

Wird man als Rockstar überhaupt erwachsen?

Erwachsenwerden hat auch etwas mit Gelassenheit zu tun. Man denkt philosophischer über Dinge nach. Man wird toleranter. Man ist nicht mehr davon überzeugt, die einzig richtige Meinung auf dem Planeten zu haben. Man reist, man lernt andere Kulturen kennen. Und lernt, dass die eigene Kultur nicht die einzige gute Idee ist, die es je gegeben hat.

Waren die 60er, 70er Jahre aufregender als heute?

Das ist ein großes Missverständnis. Es war alles viel kleiner, als man es sich heute vorstellt. Bands spielten damals nicht in großen Hallen, sondern in Theatern und Tanzsälen und Schulen.

Und wie war das damals mit Drogen und Alkohol und Partys?

Ich kannte niemand, der Drogen nahm. Ich habe meinen ersten Joint mit 38 geraucht. War großartig, nebenbei. Aber niemand bei Deep Purple nahm damals Drogen – das gehörte nicht zu unserem Lebensumfeld. Wir haben Bier und Whiskey getrunken, Zigaretten geraucht und uns auf unsere Musik konzentriert. Ich kenne natürlich eine Menge Leute, die ihr Leben mit Drogen ruiniert haben – oder Alkoholiker geworden sind. Aber ich habe mich an meine Großmutter gehalten – die mir immer gesagt hat: Tu alles in Maßen!

Rauchen Sie eigentlich noch?

Ich rauche nie – außer, wenn ich trinke. Und ich trinke nicht mehr, wenn ich auf Tour bin. Daheim in Portugal (Gillan lebt seit ein paar Jahren dort, d. Red.), gibt’s abend ein Glas Wein mit Freunden. Als junger Mensch tut man alles exzessiv – man nimmt das Leben auf wie ein Staubsauger. Und das bleibt an einem hängen. Man hat dann das Image eines harten Trinkers weg – auch wenn das schon längst nicht mehr stimmt.

Und Sie müssen natürlich in Form bleiben. Deep Purple ist ja eine der am härtesten tourenden Bands der Welt. Wie lange kann das noch so weitergehen? Fünf Jahre, zehn Jahre?

Ich weiß nicht. Ich habe viel über Frank Sinatra nachgedacht, der nicht wusste, wann es Zeit war, aufzuhören. Außerdem verlor er am Ende den Verstand und ging auf die Bühne und drehte Filme, ohne sich an seinen Text oder die richtigen Töne erinnern zu können. Er ging nur herum und hatte ein Lächeln im Gesicht. Bis ihm eines Tages jemand sagte, er müsse aufhören. Ich hoffe, ich höre auf, bevor ich an diesen Punkt komme. Aber im Moment fühle ich mich körperlich und geistig fit. Und über solche Fragen denke ich nicht nach. Nur Journalisten fragen mich danach – und dann denke ich immer: Warum fragen sie mich das? Mir geht’s gut. Wollen sie dich ins Grab bringen? Aber ja: Es geht weiter. Und unser Tour-Plan ist voll. Und so mag ich das auch.

Deep Purple spielt im November wieder in München. Was verbinden Sie mit der Stadt?

Ich habe viele Freunde hier – und ich liebe München. München und Bayern sind so etwas wie meine spirituelle Heimat. Ich kann mich noch gut an die Nächte im Blow Up erinnern (ein legendärer „Beatschuppen“ in der Schauburg, der 1972 schloss). Wir haben da zusammen getrunken, sind aufgestanden, als die Stadt schlafen ging. Wach waren nur die Kellnerinnen, die Stripperinnen, die Nutten, die Schauspieler – und eben die Musiker. Und da habe ich gedacht: Hier gehöre ich her. Gerrit Faust

Deep Purple spielt am 26. November 2015 in der Münchner Olympiahalle. Tickets ab 39,65 Euro bei Münchenticket unter Telefon 54 81 81 81

 

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