Homosexuelle Kneipen Schwule in München: Sterben Gay-Clubs aus?

Zwei berühmte Schwulen-Lokale in München: Das Bau und das Morizz. Letzteres muss dicht machen Foto: Daniel von Loeper

In der AZ spricht ein Kenner der Szene über untergegangene Only-Men-Lokale, die Folgen des Internets, neue Adressen mit gemischtem Publikum und Kneipen für Bären.

AZ: Mal ehrlich, Herr Hagenberg – braucht es überhaupt noch schwule Kneipen?

Ja. Auch schwule Männer wollen ganz normal flirten – und da ist es schön, wenn es Orte mit einer gewissen Auswahl an Objekten der Begierde gibt. Das geht anderswo nicht so leicht, bei mir im Büro zum Beispiel fiele mir das schwer.

Also gehen Schwule aus den gleichen Gründen aus wie Heteros?

Als Angehöriger einer Minderheit will man auch schauen: „Wie sind die anderen so? Was tun die, wie gehen die damit um?” Da ist es manchmal gut, wenn schwule Männer unter sich sein können. Schon deswegen halte ich schwule Kneipen für sinnvoll.

Foto: Uwe Hagenberg: Der 56-Jährige ist im Vorstand des schwulen Kommunikationszentrums „Sub“ und arbeitet als Personaler bei Siemens.

Wie viel von der alten Szene ist noch übrig?

Heute gibt es vielleicht noch ein Viertel der Kneipen, die es in den 70er- und 80er-Jahren gab, die Lesben-Lokale sind ganz verschwunden.

War damals alles im Glockenbachviertel konzentriert?

Hauptsächlich, ja. Es gab auch ein paar in Schwabing und in Haidhausen, die meisten Szene-Läden waren aber hier. Die ganze Hans-Sachs-Straße war voller Bars, es gab familiäre Läden wie „Bei Thea”, wo man sich auf ein Paar Wiener Würstl getroffen hat, Läden wie die Deutsche Eiche, wo man zum Essen und Trinken hin ist, Clubs mit trendiger Musik wie das Henderson oder das Frisco, Lederkneipen wie der Igel, das Lohengrin oder der Ochsengarten, der sich bis heute gehalten hat, Kneipen für Bären...

Für Bären?

Das Edelheiss zum Beispiel. Bären heißen in der Szene sehr männliche Männer, behaart und vielleicht etwas bauchig. So stark abgegrenzt ist das aber nicht, das mischt sich auch mit der Lederszene. In die Lederkneipen gehen auch wirklich nur Männer – eine Barbara Valentin ist vielleicht mal mit dem Freddie Mercury im Ochsengarten gewesen, aber das war eher die Ausnahme.

Viele „Only Men”-Kneipen gibt es heute aber nicht mehr.

Die Bedürfnisse haben sich da auch geändert, viele junge Schwule wollen auch mit ihren Hetero-Freunden und -Freundinnen ausgehen und bringen die mit in eigentlich schwule Kneipen. Tendenziell wird das offener. In Bars wie dem Nil in der Hans-Sachs-Straße zum Beispiel ist das Publikum gemischt.

Haben junge Schwule es heute leichter?

Nicht, was die innerlichen Prozesse, die Identitätsfindung und Akzeptanz angeht. Aber sie haben auf jeden Fall viel mehr Rollenvorbilder. Auch da spielt das Internet eine Rolle, und es gibt schwule Wandervereine bis zu schwulen Chören, ein sehr breites Angebot.

Wie war das für Sie damals?

Ich hatte mein Coming Out 76/77 und wusste schon, es gibt schwule Männer und ich bin einer – aber ich hatte eben nur das Bild von Tunten, sehr weiblichen Männern, im Kopf. Und ich wusste, ich will lieber in einer Großstadt leben. Ich habe München immer als relativ tolerant erlebt und bin auch im Rahmen meines Sozialpädagogik-Studiums auf viele an anderen Lebensstilen interessierte Leute gestoßen. Aber es war schon deutlich anders als heute.

Ein Beispiel?

Wir haben uns etwa in der Fußgängerzone mit einem Stand hingestellt, um den Leuten näherzubringen, was schwules Leben bedeutet – dass es uns nicht nur um Sex geht, dass wir auch Beziehungen führen. Richtige Öffentlichkeitsarbeit, ein bisschen wie politischer Wahlkampf. Heute unvorstellbar. Aber Vorurteile kriegt man nur weg, wenn man miteinander spricht.

Die Vorurteile nahmen sicher wieder überhand, als Ende der 80er Aids aufkam?

Wir wollten uns das, was wir uns erkämpft haben, nicht wieder nehmen lassen. Da gab es viel politische Aktivität und Vereinsgründungen, in der Zeit sind etwa die Rosa Liste und auch das Sub entstanden. Auch Heteros haben da Widerstand geleistet. Da gab es ja Ideen, Männer zwangstesten zu lassen, Männer in Lagern zu internieren.

Damit kam auch die erste Welle des Kneipensterbens.

Ja, vor allem die, wo man hingeht, um Sex zu haben, haben sich drastisch reduziert, die schwulen Saunen etwa. Damals herrschte eine große Verunsicherung. Man wusste nicht genau, wie man sich ansteckt, wie man sich schützt. Das war beängstigend. Im Sub haben Leute angerufen und gefragt, ob Aids per Hände schütteln übertragen werden kann.

Solche Sex-Läden gibt es heute trotzdem noch, oder?

Wenige. Der Ochsengarten, das Camp und der Bau – das sind Läden, die sind auf Sex ausgerichtet.

Wie läuft das dort ab? Nach dem Motto „Hey, darf ich dir ein Bier spendieren oder magst du gleich mit mir in den Darkroom kommen?”

Da läuft viel unausgesprochen ab, über Blicke oder Berührungen. Und dann gibt es Räumlichkeiten, in die man sich zurückziehen kann, etwa mit einem Vorhang geschützt.

Also mehr was für Singles, die auf der Suche nach einer schnellen Nummer sind.

Aber dass man an solchen Orten die Liebe fürs Leben kennen lernen kann, möchte ich nicht ausschließen.

Wie waren Sie damals unterwegs?

Ich bin auch mal in Lederkneipen gegangen, aber ich war immer schon ein Beziehungsmensch. Klar geht man da auch mal aus, ist aber eher häuslich. Meinen Liebsten habe ich aber im Sub kennen gelernt. Wir sind seit elf Jahren zusammen und seit 2009 offiziell verpartnert.

Heute suchen viele ihren Partner am Computer.

Die Internetfolgen erleben wir seit den 00er Jahren, da kamen Seiten wie „Gayromeo” auf (ein Internetportal mit 1,3 Millionen Mitgliedern weltweit, d. Red.). Viele Kneipen konnten sich nicht halten. Aber online bleibt viel im Vagen, im Unverbindlichen, Kontakversuche führen ins Leere. Das Internet kann eine schwule Kneipe nicht ersetzen.

Trotzdem mussten zuletzt erst wieder drei davon schließen: das Selig, das Morizz und die Teddybar.

Ich denke, gerade angesichts der Internet-Konkurrenz muss ein Lokal auch mit der Zeit gehen, schauen, dass es attraktiv bleibt für die Leute. Gerade kleine Kneipen halten sich nicht, wenn sie nicht mitdenken.

Dafür haben jede Menge angesagte Bars, Cafés und Clubs im Viertel aufgemacht.


Da hat sich auf jeden Fall einiges geändert, das Glockenbachviertel ist ein Ausgehviertel geworden. Dann sind da allerdings nachts auch mal junge Männer unterwegs, die sich mit blöden Sprüchen gegen Schwule abgrenzen und beweisen müssen. Das ändert das Viertel schon. Für alle.

Auf der anderen Seite machen mittlerweile viele angesagte Clubs von Café am Hochhaus bis zum Harry Klein regelmäßig schwule Partys.

Das ist eine gute Entwicklung. So eine gewisse Durchmischung ist für Schwule gut und auch für die Stadt – weil es für eine gewisse Lebendigkeit und Offenheit sorgt. Da ist München schon toll.

Waren Partys früher wilder?

Es gab andere Musik und die Leute haben andere Sachen angezogen. Aber: Es geht immer noch ums Schauen und angeschaut werden, ums Anbaggern und ums Flirten.

 

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