Hoffenheim startet beim FC Bayern Julian Nagelsmann: "Ich strebe nach dem Meistertitel"

, aktualisiert am 22.08.2018 - 10:35 Uhr
Ihm geht es nicht nur ums Ergebnis – sondern auch um die Ästhetik des Spiels: Hoffenheims Julian Nagelsmann (31), der begehrteste Jung-Trainer des deutschen Fußballs. Foto: Kunz/Augenklick

Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann spricht in der AZ über den Ligastart gegen den FC Bayern und sein großes Saisonziel. "Ich strebe immer nach dem Maximalen, und das Maximale ist der Meistertitel."

 

München - Wow, da traut sich einer was! Julian Nagelsmann (31), der begehrteste Jung-Trainer Deutschlands, sagt dem FC Bayern den Kampf an: Vor dem Bundesliga-Start an diesem Freitag zwischen den Münchnern und 1899 Hoffenheim (20.30 Uhr/live im ZDF und bei Eurosport sowie im AZ-Liveticker) spricht der Coach der TSG offen über sein Saisonziel – und das heißt tatsächlich: Meisterschaft.

Bevor Nagelsmann im Sommer 2019 zu RB Leipzig wechselt, will er sich in Hoffenheim stilvoll verabschieden. Die AZ hat mit dem Erfolgstrainer gesprochen.

Das sagt Julian Nagelsmann über... 

...den neuen FC Bayern unter Niko Kovac: "Komplett anders werden sie nicht spielen. Ich gehe davon aus, dass sie mehr Grundordnung spielen werden als in der Vergangenheit – so wie Kovac das in Frankfurt gemacht hat und wie er auch gesagt hat, dass er das gern hätte. Ihre dominante Art werden sie behalten, das geht auch gar nicht anders mit dem Kader. Wir erwarten die Bayern wie immer: sehr, sehr gut und sehr, sehr spielstark, vor allem zuhause. Aber wenn wir unsere Leistung abrufen, sind wir nicht chancenlos."


Auftakt-Knaller: Im Heimspiel der vergangenen Saison gewann Bayern gegen Hoffenheim 5:2, Sandro Wagner (r.) traf zum Endstand. Foto sampics/Augenklick

...sein Saisonziel: "Ich würde mein letztes Jahr in Hoffenheim gern noch erfolgreicher abschließen als die anderen. Dass das nicht einfach ist, weiß ich. Aber ich strebe immer nach dem Maximalen, und das Maximale ist der Meistertitel. Aber selbst wenn du Top-Form abrufst, wird’s schwer, weil Bayern im Normalfall alles gewinnt. Bei denen steht’s oft schon 1:0, bevor es losgeht. Deswegen haben sie es ein bisschen leichter, weil sie sich über die Jahre viel Respekt erarbeitet haben. Wenn jemand anderes Meister werden soll, müssen ein paar Teams zusammenhelfen, muss das auf mehrere Schultern verteilt werden – und wenn wir zu den paar Schultern gehören, bin ich ganz zufrieden."

...Gedanken an seinen künftigen Klub RB Leipzig: "Ich schaue mir die Ergebnisse an, aber ich schaue auch 2. Liga. Es geht los, wenn es losgeht – nicht vorher. Die haben ja einen guten Trainer, die brauchen mich noch nicht."

Nagelsmann: Wenn Witsel sich die Locken dreht

...Erkenntnisse von der WM: "Das Turnier hat mich nicht so gefesselt. Da war nichts dabei, was entdeckenswürdig war. Ich habe immer den Anspruch, innovativ zu sein, neue Dinge zu probieren, den Fußball ein bisschen anders zu sehen. Insofern habe ich nix entdeckt. Ich dachte immer, eine WM ist was Freigeistiges, wo man was probieren kann, wo das Ästhetische im Vordergrund steht, wo nicht dieser extreme Druck da ist, was auch Arbeitsplätze im Klub angeht. Wenn du mit einem Verein absteigst, werden Stellen gekürzt."

...Bundestrainer Joachim Löw: "Er hat das immer so gut hinbekommen, dass die Nationalmannschaft ein bissl was Ästhetisches ist, wo es wirklich ums Spielen geht. Es gab viel negative Berichterstattung. Ich habe das Gefühl, dass bei anderen WMs eher das Spiel im Vordergrund stand, und es nicht um Druck ging, um Schlagzeilenliefern. Diesmal war offenbar die Peripherie wichtiger als das Spiel. Es ging eher darum, ob Axel Witsel sich neue Locken gedreht hat. Die WM hatte nichts Ästhetisches, sondern genau denselben Druck und Kampf wie in der Bundesliga."


Trainer-Kollegen: Von Niko Kovac (r.) erwartet Nagelsmann, dass er beim FC Bayern für "mehr Grundordnung" sorgen wird. Foto: dpa

Nagelsmann: Jeder Trainer hat seine eigene Denkweise 

...Ästhetik: "Die ist mir sehr wichtig. Das sieht man hoffentlich auch. Natürlich gibt es Phasen, wo es rein ums Ergebnis geht. Fußball ist ein Ergebnissport. Am liebsten ist mir ein Sieg mit einer gewissen Ästhetik. Aber bevor ich ästhetisch verliere, gewinne ich lieber ohne Ästhetik. Menschen zahlen viel Geld, um sich das anzuschauen. Ich finde, dass man den Leuten gern was bieten darf. Man sollte etwas probieren und mutig sein. Ich hoffe, dass das respektiert wird, auch wenn wir mal einen Rückpass mehr spielen, weil wir gerade keine Lösung für diese Situation haben. Die Alternative ist: die Mittellinie als eine vier Meter hohe Wand sehen, über die der Ball gebolzt werden muss. Das ist nicht meine Art. Der Sport heißt Fußball spielen und nicht Fußball kämpfen, Fußball bolzen oder Fußball lange Bälle schlagen. Für mich ist Spielen, Fußball, immer etwas Ästhetisches, Sinnliches, etwas, das Freude bringen soll."

...seine Philosophie: "Jeder Trainer hat seine eigene Denkweise über das Spiel. Das macht es interessant. Ich habe Angst, dass die Attraktivität leidet, irgendwann nicht mehr so viele Leute ins Stadion kommen, weil zu viel Angst und Druck herrscht und jeder meint, sich irgendwie in diesem Beruf halten zu müssen. Diesen Kreislauf muss man durchbrechen und die Attraktivität des Spiels behalten. Teams, die etwas für diese Attraktivität tun, sollte man schützen. Schalke ist Zweiter geworden, hat nicht immer ein Offensivspektakel abgerufen, aber wenn du nie ein Tor kriegst, ist das auch eine Qualität. Vielleicht nicht die attraktivste, aber eine legitime und offensichtlich erfolgreiche. Da gibt es andere Teams, die man mehr hätte angreifen können."

Nagelsmann: Ästhetik schließt Erfolg nicht aus

...seine Entwicklung: "Im ersten Jahr in Hoffenheim hatte ich mit Xaver Zembrod (Co-Trainer bei Bayer Leverkusen) einen sehr interessanten Cheftrainer, der viele Elemente aus dem spanischen Fußball von Vorgänger Tayfun Korkut übernommen hat. So habe ich noch mal eine andere Seite des Fußballs kennengelernt, noch mal anders drüber nachgedacht. Über die Jahre habe ich alle Themen, Prinzipien und meine ganze Vermittlungsstruktur entwickelt. Ich hatte schon eine Idee, wie mein Fußball aussehen soll, habe mir Spiele von gewissen Trainern lieber angeschaut als andere. Aber diese Struktur hatte ich vorher nicht, die habe ich allein entwickelt. In den neun Jahren Hoffenheim bin ich selbstsicherer geworden, weil ich gemerkt habe, dass die Ästhetik, die ich sehen will, Erfolg nicht ausschließt. Wenn ich Weggefährten von vor acht oder neun Jahren frage, wie ich war und wie ich jetzt bin, dann wird es von zehn Punkten noch neun Parallelen geben."

...sein Champions-League-Outfit: "Ich hab tatsächlich schon drüber nachgedacht, was ich da anziehe. Ganz ehrlich: Ich schwitze unfassbar stark, und die ersten Spieltage sind noch mit sommerlichen Temperaturen, da habe ich schon Probleme mit dem Anzug. Was der englische Nationaltrainer anhatte, hat mir stilistisch sehr gut gefallen, vielleicht wähle ich so was. Meine Frau hat gesagt: Chino und Hemd, was ich sonst oft anhabe, reicht aus. Es war immer ein Traum, mal in Anzug am Spielfeldrand zu stehen. Vielleicht wächst in mir noch ein Südländer, und ich schwitze nicht mehr so stark. Oder ich lasse mich operieren. Es wird Wege geben, dass ich nicht die Sakkos durchschwitze."

 

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