Historiker im Interview Nordbad in Schwabing: Das Schwimmbad der Nazis

Hitlergrüße und Hakenkreuzfahnen: Szene bei der Grundsteinlegung des Nordbads im Dezember 1934. Foto: Stadtarchiv

Ein Historiker hat erforscht, welche Rolle das Nordbad für die Nazis spielte. In der AZ erklärt er, warum Hitler persönlich den Neubau verhindern wollte.

Schwabing - Für den Münchner NS-Oberbürgermeister Karl Fiehler war das Nordbad ein Prestigeprojekt. Wie er es für seine Propaganda nutzen wollte und wieso die kommunalen NSDAP-Politiker ausgerechnet ein Schwimmbad für eines ihrer wichtigsten Projekte hielten, hat der Historiker Mathias Irlinger für sein neues Buch erforscht.

AZ: Herr Irlinger, wie taugte denn ein Stadtteil-Schwimmbad als nationalsozialistisches Symbol?
MATHIAS IRLINGER: Ein Schwimmbad ist gut sichtbar und meist mitten im Wohngebiet. Das unterscheidet es von anderen Bauprojekten wie Kanalrohren. Und: Es wird von wahnsinnig vielen Menschen genutzt – gerade zu dieser Zeit, denn viele Menschen hatten zu Hause noch kein Badezimmer. Die Bäder erfüllten damals eine zentrale, alltägliche Hygienefunktion.

Aber es gab doch viele andere Bäder in München.
Das waren aber Brause- und Wannenbäder, wo man duschen oder ein Bad nehmen konnte. Ein repräsentatives Hallenbad mit Sportbecken war dagegen etwas verhältnismäßig Neues. In München gab es nur das Müller’sche Volksbad.

NS-Stadtführung konnte durch das Nordbad ihre Tatkraft inszenieren

Pläne für ein Schwimmbad in Schwabing gab es längst. Woran waren die Vorgänger der Nazis gescheitert?
Der erste Antrag stammte 1924 von Karl Scharnagl, dem späteren Oberbürgermeister. Das Projekt scheiterte an der Finanzierung. Auch deshalb war das Nordbad für die NS-Stadtführung ein gefundenes Fressen, um sich selbst als besonders leistungsfähig zu präsentieren. Obwohl die tatsächliche Bilanz der Münchner Nationalsozialisten – also die Anzahl und Größe der umgesetzten Baumaßnahmen – im Vergleich zu den 1920er-Jahren schwach ausfiel, konnten sie mit zentralen Bauten wie dem Nordbad ihre Tatkraft inszenieren. Nach dem Motto: Wir bauen jetzt, was die anderen nie geschafft haben.

Wie inszenierten die Nationalsozialisten die Grundsteinlegung?
Das Nordbad war das erste große kommunale Bauwerk. Beim Haus der Deutschen Kunst etwa stand Hitler stark im Fokus. Beim Nordbad hingegen nahm Oberbürgermeister Karl Fiehler klar die Regie in die Hand und inszenierte sich als Macher. Er ließ bei der Grundsteinlegung Hakenkreuz-Fahnen hissen, viele Ortsgruppen der NSDAP waren eingeladen, Reichswehr-Abteilungen nahmen teil und nach den Reden folgten "Sieg Heil"-Rufe und das Horst-Wessel-Lied. Das Projekt wurde für alle sichtbar nationalsozialistisch aufgeladen.

Hitler stellte sich gegen das Nordbad

Sie sagen, es handelte sich um ein Projekt Fiehlers, nicht Adolf Hitlers. Hitler stellte sich später sogar explizit dagegen. Warum?
Während Fiehler schnell den Grundstein legen ließ, hatte er im Hintergrund eigentlich die gleichen Probleme wie seine Vorgänger: Die Finanzierung war unklar. Als es dann soweit war, fuhr Fiehler wie bei einigen anderen Bauprojekten auch mit einem Modell des Nordbads zum Obersalzberg, um sich Hitlers Segen abzuholen.

Und der war abgeneigt?
Es war der 2. August 1935. Es war die Besprechung, in der Hitler offiziell bestätigte, dass München sich "Hauptstadt der Bewegung" nennen durfte. Wenige Tage später war ganz München beflaggt, um dieses Ereignis zu feiern. Hinter den Kulissen rumorte es aber. Denn am Obersalzberg gab es vor allem Ärger. Hitler bekam einen Wutausbruch, bei dem er der Stadtführung vorwarf, sie bauten ein kleines kommunales Bädchen im Norden der Stadt und wollten dafür vier Millionen Reichsmark ausgeben. Das sei ein Skandal, da das Bad keine Weltgeltung habe!

Was stellte sich Hitler stattdessen vor?
Hitler plante in ganz anderen Kategorien – ohne Rücksicht auf die Kosten. Er wollte ein Mega-Bad. Und das an ganz zentraler Stelle, an der von ihm geplanten Ost-West-Achse, die sich quer durch München erstrecken sollte.

Warum wurde der Bau des Nordbads nach Hitlers Wutausbruch nicht gestoppt?
Ein Teil der Münchner Ratsherren schwang sofort um und sagte: Das Nordbad wird nicht gebaut. Aber eine kleine Gruppe um den Architekten im Stadtbauamt, Karl Meitinger, wollte sich von dem Projekt nicht verabschieden.

Münchner Bevölkerung wünschte sich ein Schwimmbad

Wie argumentierte die Gruppe?
Damit, dass die Pläne – anders als die für Hitlers Riesen-Schwimmbad – baufertig waren. Aber auch damit, dass es ein großer Wunsch der Bevölkerung war und es viele Schreiben gab, in denen kritisch gefragt wurde, warum der Grundstein im Erdreich lag, aber nicht gebaut wurde. Die inszenierte Tatkraft drohte zur Farce zu werden.

War das nicht sehr unüblich, dass man so ein Projekt gegen Hitlers Willen durchsetzte?
Hitler hatte ein kleines Fenster offengelassen für den Nordbad-Bau. Er sagte, die Stadt solle das riesige Bad bauen und dann könne sie in Schwabing auch ein kleines Bezirksbad realisieren. Das nutzten die Münchner Nationalsozialisten. Sie sagten: Wir bauen ein riesiges Bad und ein kleines in Schwabing. So musste das Nordbad ein paar Abstriche machen und Hitler segnete schließlich neue Pläne ab.

Wie wurde die Eröffnung 1941 inszeniert?
Das Ganze fand schon im Krieg statt, denn es dauerte sieben Jahre, bis der Bau fertig war. Wie bereits bei der Grundsteinlegung und beim Richtfest war von der Ertüchtigung des Körpers die Rede, davon, dass das Volk durch Sport wehrhaft gemacht werden sollte. Zentral dafür waren auch Sportwettkämpfe, für die eine Tribüne für 1.400 Besucher gebaut wurde.

Sport als Teil der rassischen Ideologie

Die heutigen Bänke im Bad waren als Tribünen für Zuschauer gedacht?
Genau. Der Bau zeigt auch, dass es eben nicht nur um Freizeitsport ging, sondern auch um Inszenierung. Der Sport als Teil der rassischen Ideologie – starke Körper. Man wollte Wettkämpfe mit vielen Zuschauern. 1941 bei der Eröffnung war wegen des Krieges eigentlich schon klar, dass es dazu nicht mehr kommen würde. Zur Eröffnung gab es aber noch einen Städte-Wettkampf zwischen München und Wien.

Im Krieg wurden die Ressourcen immer knapper, das Nordbad selbst bekam zwei Bombentreffer ab. Ist es nicht überraschend, dass das Bad geöffnet blieb?
Wenn man sich die Kriegssituation vor Augen führt, die vielen Ruinen in der Stadt, dann ist es auf den ersten Blick schon überraschend, dass Münchner auch im Februar 1945 noch ins Nordbad schwimmen gingen.

Schwimmbäder suggerierten Normalität

Aber?
Aber so unlogisch ist es auch nicht. Das Bad sollte zur Ablenkung vom Krieg dienen, man wollte der Bevölkerung ausstrahlen: Trotz des Krieges habt ihr weiter die Segnungen des Nationalsozialismus, wie eben das Nordbad. Schwimmbäder suggerierten eine Normalität. Das wurde durchgezogen, damit die Leute nicht kriegsmüde wurden. Davon profitierte aber nur ein Teil der Bevölkerung.

Juden durften nicht ins Nordbad?
Die Stadt München versuchte ab 1933, Juden und Jüdinnen aus den Bädern rauszuhalten. 1938 gelang es, ein Verbot dauerhaft durchzusetzen. So regelte auch die zur Einweihung 1941 erlassene Satzung für das Nordbad, dass Juden, Personen mit ansteckenden Krankheiten – und Betrunkene – keinen Zutritt hatten. Das ist bezeichnend: Es wurde ein großes Bauwerk für die Bevölkerung eingeweiht – und sofort ein Teil der Bevölkerung ausgeschlossen.

Wurde das Verbot durchgesetzt?
Ja. Es wurde kontrolliert. Aber es gab auch Menschen, die diese Verbote umgingen. Sie verdeckten zum Beispiel den Judenstern und gingen weiter in die Bäder. Die angeblich so eindeutigen rassischen Merkmale von Juden und Jüdinnen waren für das Bäder-Personal nicht zu erkennen.

Später durften auch Zwangsarbeiter nicht mehr ins Nordbad. Warum?
1942 beschwerte sich ein Münchner, dass er lange habe warten müssen, weil Kriegsgefangene die ganzen Umkleidekabinen belegt hätten. Das sei peinlich! Daraufhin ging eine Diskussion los, an der sich sogar die Reichsführung beteiligte: darüber, wie man mit den Zwangsarbeitern umgehen solle. Schließlich wurde auch ihnen, von denen viele aus Osteuropa kamen und in den Augen der Nationalsozialisten "Untermenschen" waren, der Besuch von Bädern teilweise verboten.

Waren diese rassistischen Verbote "nur" Teil der vielen alltäglichen Schikanen, oder standen auch Ängste dahinter?
In den Schwimmbädern bewegte man sich fast nackt auf engstem Raum. Hinter Badeverboten wie im Nordbad stand die Angst vor sexuellen Beziehungen zwischen den Gruppen. Also vor der "Rassenschande", wie die Nationalsozialisten das nannten.

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