Herrsching am Ammersee Geld oder Gymnasium

Auf diesem Areal an der Staatsstraße nach Wessling würde die Gemeinde Herrsching gerne ein Gymnasium für 600 bis 800 Kinder bauen. Der Grunderwerb gestaltet sich allerdings schwierig. Foto: Google Earth

Jahrelang haben die Gemeinde Herrsching und eine Elterninitiative für eine weiterführende Schule gekämpft. Jetzt droht das Projekt zu scheitern, weil ein Einzelner seinen Grund nicht verkaufen will.

 

Herrsching - Sie pendeln täglich – im Sommer wie im Winter, bei Hitze oder eisiger Kälte, bei Regen oder Schnee, Verspätungen und Zugausfälle inklusive: Hunderte Kinder aus den Gemeinden Herrsching, Seefeld und Wörthsee machen sich jeden Morgen mit dem Bus oder der S-Bahn auf die weite Reise zu den Gymnasien in Gilching (15 Kilometer einfach), Germering (21 Kilometer), Tutzing (13 Kilometer) oder Starnberg (12 Kilometer).

Jahrelang haben die Gemeinde und der „Förderverein für ein Gymnasium im westlichen Landkreis Starnberg“ deshalb für eine entsprechende Schule in Herrsching gekämpft. Im August 2013 gab der Freistaat endlich grünes Licht. Doch seitdem ist nicht viel passiert – weil ein einzelner Landwirt seinen Grund nicht zu dem Preis verkaufen möchte, den die Gemeinde bietet. Dabei sitzt Bauer Hermann J. für die CSU im Herrschinger Gemeinderat. Für jene Partei also, die sich im Kommunalwahlkampf mit ihrem Engagement für die Bildungseinrichtung brüstete. „Hermann J. betreibt eigensüchtige Spekulation auf Kosten der Herrschinger Schüler und blamiert dabei seine Partei, den Bürgermeister und den ganzen Gemeinderat, der den zugesagten Bauplatz für das Gymnasium nicht bereitstellen kann“, sagt Jens Waltermann, der Vorsitzende des Fördervereins.

„Aus unserer Sicht ist das ein Skandal.“ „Mehr als 600 Gymnasiasten des westlichen Landkreises werden derzeit außerhalb beschult“, sagt Herrschings parteifreier Bürgermeister Christian Schiller. Ein „eigenes“ Gymnasium – zunächst für 600, später für 800 Kinder – werde deshalb dringend gebraucht. Geht es nach Schiller und seinen Mitstreitern, soll der Neubau auf einer landwirtschaftlichen Fläche an der Staatsstraße nach Wessling entstehen.

Ein Areal von zehn Hektar wurde zur „Verdachtsfläche“ erklärt, auf der ein Neubau möglich wäre. Tatsächlich benötigt werden rund 30 000 Quadratmeter. Das Problem: Rund ein Drittel davon gehört Hermann J. – und der will nicht veräußern. Zumindest nicht für die 70 Euro pro Quadratmeter, die der Gemeinderat bietet und die bereits an andere Eigentümer gezahlt worden sind. Dabei zeigt sich die Gemeinde relativ großzügig, denn ein offizieller Gutachter hatte den Quadratmeterpreis der Flächen auf maximal 23 bis 62 Euro geschätzt.

Hermann J. sieht das allerdings ganz anders. „An mir soll’s letztendlich nicht scheitern“, sagt er zwar. Aber der Herrschinger lässt sich vom Münchner Anwalt Walter Labbé vertreten und der, sagt Hermann J., vergleiche den Fall „mit dem Neubau eines anderen Gymnasiums, bei dem 200 Euro und noch mehr gezahlt wurden“. Am Ammersee erzählt man sich, dem abtrünnigen CSUler schwebe daher ein Preis von 290 Euro vor. Was natürlich einen Unterschied macht. Einen deutlichen. Einen Unterschied von 2,2 Millionen Euro, um genau zu sein.

Als Gemeinderat müsste der dreifache Vater eigentlich wissen, dass diese Summe den Betrag, der im Haushalt für den Erwerb aller für das Gymnasium benötigten Flächen eingestellt ist, um 200 000 Euro übersteigt. Trotzdem argumentiert er so: „Wenn der Freistaat ein Gymnasium zusagt, dann ist das ja quasi Bauerwartungsland.“ Man müsse daher einen Preis finden „irgendwo zwischen Bauland und Gewerbefläche“. Und überhaupt sei er ja nicht der Einzige, der noch nicht verkauft habe.

Das bestreitet Bürgermeister Schiller gar nicht. „Aber“, sagt er, „Herr J. hat drei sogenannte Sperrgrundstücke: Egal, wie man es dreht und wendet, diese Flächen brauchen wir.“ Deshalb habe man dem widerspenstigen Landwirt vergleichbare Gebiete zum Tausch angeboten – ohne Erfolg. Tiefer in die Gemeindekasse greifen als geplant, wolle und könne man nicht. „Nur, weil er am längsten gewartet hat, kann es doch nicht sein, dass er jetzt am meisten für seinen Boden bekommt“, sagt der Rathaus-Chef. Jens Waltermann vom Förderverein pflichtet ihm bei: „Zu dem Preis, den Herr J. aufruft, kann die Gemeinde den Grund gar nicht kaufen. Das wäre alles andere als ein verantwortungsbewusster Umgang mit Gemeindegeldern.“

Eins müsse Hermann J. außerdem wissen, sagt Bürgermeister Schiller: „Wenn da draußen kein Gymnasium hinkommt, dann kommt da gar nichts hin. Dann bleibt da die grüne Wiese.“ Bauerwartungsland? Fehlanzeige.

Die Fronten sind verhärtet. So sehr, dass man nun über einen anderen Standort nachdenkt – in Seefeld, zum Beispiel. Doch die Idee ist noch ganz frisch, die halbe Verwaltung der Nachbargemeinde derzeit im Urlaub. „Für Herrsching wäre es eine Tragödie, wenn das Gymnasium nicht verwirklicht werden kann“, klagt Jens Waltermann vom Förderverein. Und Bürgermeister Christian Schiller sieht eine Chance schwinden, „die eine Ortschaft nur ein Mal in 100 Jahren bekommt. Wenn überhaupt.“
 

 

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