Haus der Kunst In stillen Teichen lauern Krokodile

Aufgelöst und weggespült – die Duschen im Luftschutzkeller sind die ideale Projektionsfläche für Óscar Muñoz’ Video-Arbeit „Biografías“ über Vergänglichkeit und Erinnerung. Foto: Haus der Kunst

Irgendwo in der Ferne singen Menschen, angeheizt von rasanten Trommelrhythmen. Ausgelassen klingt das, doch der düstere Gang hier unten hat so gar nichts von einem Partykeller – dabei tanzen ein paar Meter weiter oben, im P1, die Püppies bis in die Puppen. Was sich hier auftut, erinnert an alles Mögliche, nur nicht an einen Partykeller. Gekachelte Wände, Rohre, kleine Räume, die zu beiden Seiten des Gangs abgehen und Duschzellen. Wohlfühlen sieht anders aus, KZ-Assoziationen schwirren durch den Kopf. Dabei hatte sich Paul Troost mit dem Luftschutzkeller ganz besondere Mühe gegeben. Jetzt wird unterm Haus der Kunst Video- und Filmkunst gezeigt.

 

Und mit dieser ersten Ausstellung unter dem Titel „Aschemünder” schließt sich für den Kunsttempel nochmal ein Kreis. Denn in den „Katakomben”, die bereits im noch kriegsfernen 1933 geplant wurden, geht es nun genau um Krieg und Gewalt. Die Sammlerin Ingvild Goetz, aus deren hochkarätigen Beständen bis mindestens 2014 Ausgewähltes zu sehen sein wird, greift hier bewusst Erblast auf, aber in unerwartet freier Form.

Die Stimmen, die so einladend in die Schau zogen, stammen aus Ruanda. Marcel Odenbach thematisiert in seiner Videoinstallation „In stillen Teichen lauern Krokodile” den Genozid, dem die Welt 1994 tatenlos zusah. Nichts taucht auf vom Gemetzel, doch die Idylle kippt zusehends, man hört den Radio-Aufruf zum Mord an den Tutsi, Gesichter öffnen den Mund zum stummen Schrei.
Mikrokino reiht sich an Mikrokino, und gleich gegenüber sieht man einen havarierten Kampfjet über einer saftig grünen Landschaft. Nichts scheint sich zu bewegen, dann realisiert man – typisch David Claerbout –, dass die Sonnenstrahlen sachte wandern, das Flugzeug aus einer alten Aufnahme stammt und in eine neue Filmsequenz aus Vietnam eingefügt wurde.

Drastischer sind die Klagen der Zeugen von Gewaltverbrechen in Kolumbien – formuliert im Sprechgesang (Juan Manuel Echavarría). Und auch die erzählte Version der Montagsdemonstrationen hin zum Mauerfall (Sven Johne) zerrt bald schon an den Nerven. Aber man braucht vor dem Bunker-Gang nicht zurückzuschrecken. Die meisten Arbeiten – von Mona Hatoum bis Óscar Muñoz oder Harun Farocki berühren gerade in ihrer Zurückhaltung.

Bis 4. 9. im Haus der Kunst, Katalog 19 Euro

 

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