Haus der Kunst Dschungelcamp Museum

Die Ausstellung soll das Zusammenspiel zwischen Kunst und Tanz seit den 60er Jahren zeigen. Foto: dpa

"Was wünschen Sie?”, fragt ein graziles Wuschelkopf-Wesen im dunklen Trikot. Und so ganz ohne Speisekarte oder Einkaufszettel rechnet man kaum mit solchen Willfährigkeiten. Aber die junge Frau bleibt freundlich hartnäckig, ihre Kollegin zwängt sich gerade durch einen langen, ziemlich schmalen Lichtflur, in dem ausladendere Körperrundungen leicht stecken bleiben.

Vielleicht auf einem überdimensionalen Schaukelbrett balancieren? Das macht eine ausgebildete Tänzerin gleich viel eleganter, als eine allenfalls pedaltretende Museumsbesucherin. Wobei der eigene Körpereinsatz durchaus gefragt ist, das gehört zum Konzept der neuen Ausstellung im Haus der Kunst. Den Titel „Move” – Bewegung – darf man in diesem Fall wörtlich nehmen. Auch wenn der Zusatz „Kunst und Tanz seit den 60ern” eher an einen historischen Überblick in Form von Filmen und Choreographie-Skripten denken lässt.

Dieser Hintergrund wird tatsächlich geboten, in einem Nebenraum kann man sich durch ein gut gefülltes digitales Archiv zappen und die wichtigsten Performances der letzten 50 Jahre verfolgen. Aber der Fokus dieser nicht ganz alltäglichen Schau liegt klar auf der Interaktion, dem Er-Fassen oder Be-Greifen der künstlerischen Arbeiten, Konzepte oder besser: Choreographien. Was bei den meisten Ausstellungen zu den absoluten Tabus zählt, ist hier ausdrücklich erwünscht. Frei nach Bruce Naumans Credo: „Ein Bewusstsein seiner selbst gewinnt man durch ein gewisses Maß an Aktivität, und nicht, in dem man nur über sich selbst nachdenkt. Im eingangs erwähnten „Green Light Corridor” des amerikanischen Konzeptkünstlers drängt sich diese Bewusstseinsfindung allein durch die Enge auf.

In gewisser Weise arbeitet auch die Brasilianerin Lygia Clark mit diesem Effekt. Ihre sensorische Riesenskulptur „The House Is the Body” führt von Zelle zu Zelle durch den weiblichen Körper und beschwört Penetration – man dringt gleich kopfüber durch eng gespannte Stoffbahnen in ein kurioses Dunkel –, Eisprung, Keimung und Austreibung. Dieses sicher spektakulärste Objekt der Ausstellung fordert seine Entdecker, schon weil der Weg durch den überdimensionalen „Geburtskanal” nicht so leicht auszumachen ist. Dagegen ist Clarks durch die Psychiatrie inspirierte Zwangsjacke geradezu simpel zu erkunden, aber nicht weniger berührend.

Auch sich selbst zeitversetzt im Film zu sehen – in Bewegung mit einem Objekt wird man Teil einer Installation von Franz West – hinterlässt eigentümliche Gefühle. Und man biegt gerne um die Ecke in den „Untersuchungsraum” von Mike Kelley: Voll „multipler Stimuli” öffnet sich hier ein amüsantes Spielzimmer für neugierige Erwachsene.

Überhaupt erinnert vieles an einen Erlebnisparcours mit Trimm-Dich-Einheiten. Starchoreograph William Forsyth lässt sportliche Ambitionierte sogar einen Raum an aufgehängten Ringen durchturnen, Christian Jankowski bietet in seinem „Hausdach-Training” Hula-Hoop-Ringe. Und all das kann man natürlich bequem umgehen. Es gibt ja diese freundlichen Wesen, die sich für einen hangeln und schlängeln, die balancieren und posieren. Aber wirklich erschließen lässt sich „Move” nur, wenn man selbst in dieses Dschungelcamp für Kunstsinnige taucht.

Christa Sigg

Haus der Kunst, bis 8. Mai, täglich von 10 bis 20, donnerstags bis 22 Uhr

 

0 Kommentare