Hachings neuer Trainer Heiko Herrlich: "Fußball ist nicht alles"

Heiko Herrlich, Coach in Haching. Foto: dpa

Hier erklärt Unterhachings neuer Cheftrainer Heiko Herrlich, der beim Trainingsauftakt nur auf der Tribüne saß, weshalb er erst im September voll einsteigt – und wie ihm sein Glaube hilft

 

AZ: Herr Herrlich, Sie sind am Montag als neuer Chefcoach in Unterhaching vorgestellt worden. Ihren Job richtig antreten werden Sie aber erst am 1. September. Können Sie das erklären?

HEIKO HERRLICH: Es gibt eine Konstellation, die mein Privatleben betrifft, die es mir nicht ermöglicht, permanent da zu sein. Das sind private Gründe mit der Familie.

Bis zum 30. Juni sind Sie noch vertraglich an Ihren früheren Verein, den VfL Bochum, gebunden. Sie können zunächst, wie am Dienstag beim Trainingsauftakt, nur auf der Tribüne sitzen. Ihr Co-Trainer Manuel Baum leitet die ersten Einheiten. Eine skurrile Konstellation, oder?

Warum? Es gibt ein paar Tage, an denen ich eben nicht da sein kann, aber das beeinträchtigt den Trainingsablauf nicht.

Warum haben Sie sich denn für Unterhaching entschieden? Ist Liga drei so reizvoll?

Es ist die Herausforderung. Der Verein ist in einer sehr schwierigen Situation. Es gibt eine Unterdeckung im Etat und alle müssen Abstriche machen. Mich reizt, dass man hier in den nächsten Jahren versuchen muss, aus einem Pool von jungen Spielern Werte zu schaffen, die wichtig sind für die erste Mannschaft.

Die sportlichen Ziele sind somit zunächst eher bescheiden, oder?

Ich habe für ein Jahr unterschrieben – und das Ziel kann erst mal nur heißen, die Klasse zu halten. Ich wollte ja zuerst im Jugendbereich arbeiten, doch dann ist man mit dem Wunsch an mich herangetreten, die Profis zu betreuen. Aus jungen Spielern gestandene Drittligaprofis machen, das reizt mich sehr.

Sie waren ein Jahr ohne Job. Sehen Sie Haching als Sprungbrett, um wieder reinzukommen ins Geschäft?

Es ging alles sehr schnell. Ich habe 2004 meine Karriere beendet, meine Trainerscheine gemacht und dann die A-Jugend von Borussia Dortmund betreut. Dort war mein Ziel, dass wir jedes Jahr zwei Spieler aus der A-Jugend in den Profikader reinbringen. Bei Marcel Schmelzer zum Beispiel habe ich einen kleinen Teil zu seiner Entwicklung beigetragen. Auch Lewis Holtby oder Andre Schürrle begleitete ich beim DFB.

Nichts gegen Haching, aber gab es keine anderen Angebote? Sie waren U17- und U19-Trainer beim DFB und zuletzt beim VfL Bochum...

Ich hätte andere Möglichkeiten gehabt, als in Haching Trainer zu werden, aber man konnte mich davon überzeugen, dass der Weg mit jungen Spielern der richtige ist. Außerdem wollte ich gerne in München leben. Mir ist es wichtig, dass du einen jungen Spieler bei einem gewissen Stand abholst und ihn verbesserst und da spielt es keine Rolle, ob im Jugendbereich, in der 1., 2. oder 3. Liga.

Was für ein Typ sind Sie im Umgang mit jungen Spielern? Typ Magath oder eher Klopp?

Das eine schließt das andere nicht aus. Ganz wichtig ist, dass man ein Vertrauensverhältnis zu den Spielern aufbaut, dass die Spieler zu mir kommen und sich öffnen.

Wie war das bei Ihnen als junger Spieler?

Für mich war Ottmar Hitzfeld der Beste, als Mensch und Coach. Ich hatte Vertrauen zu Hitzfeld. Ich war auch nicht immer Stammspieler bei ihm in Dortmund, aber ich darf mich heute Champions-League-Sieger nennen. Ich war dort Indianer und kein Häuptling. Wichtig für mich als Trainer ist, dass ich allen Spielern gegenüber ehrlich und gerecht bin.

Und wie ist der tägliche Umgang beim Trainer Herrlich? Wie reden die Spieler Sie an?

Herr Herrlich.

Klingt nach Distanz. Darf Sie denn ein Spieler dennoch immer anrufen? Auch mit persönlichen Dingen?

Ja, aber wir sind hier trotzdem keine Waldorf-Gemeinschaft. Es geht nicht darum, dass ich den Spielern nach einem verlorenen Spiel sage: „Ist nicht schlimm, aber schön, dass du dein Trikot richtig rum angezogen hast.”

Sie selbst gelten ja als zurückhaltend, als verschlossen.

Ich muss einfach nicht jeden Tag im Rampenlicht stehen. Fußball ist nicht alles.

Sie wissen das wie kein anderer. 2000 wurde bei Ihnen ein lebensbedrohlicher Gehirntumor diagnostiziert...

Ich war 28 Jahre und meine Frau war im dritten Monat schwanger. Ich wusste nicht, ob ich das Kind jemals sehen werde. Da ging es für mich einfach nur noch ums Überleben. Man wird demütiger.

Was ist für Sie Dankbarkeit?

Wenn meine Familie und meine Kinder gesund und zufrieden sind, bin ich dankbar. Und es ist viel abgedeckt, wenn man Freunde hat, wenn man sich Essen und Getränke leisten kann – und wenn man ein Dach überm Kopf hat.

Sie sind ein religiöser Mensch. Wie sehr hat Ihnen der Glaube an Gott in schweren Zeiten geholfen?

Der Glaube ist mir das Wichtigste im Leben. Ich lebe diesen Glauben permanent aus, lasse ihn auch in meine Arbeit einfließen. Ich hinterfrage mich jeden Tag neu. Ich gehe auch oft in die Kirche. Ich war schon vor meiner Geschichte damals gläubig, diese Werte sind für mich elementar.
 

 

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